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Der Jude · 1923-01-01 · Heft 9 · p. 554

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
7 (1923)
Issue
Heft 9
Article
Stimmen
Date
1923-01-01
Page
554 (sequence 3)
Language
German
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554 Bemerkungen: Stimmen Geschlecht geschritten ist, flößen mir Widerwillen ein — und bin doch eine Wüste, in der Israel irrt, irre selbst grundlos umher, sehne mich, der ich mein Ziel verlor, nach dem Paradies .. . Und habe neue Brüder, habe ihr Ziel, trage ihr Antlitz. Ich bin einer von ihnen, Und dennoch weniger und mehr... Ich bin auserwählt. Bin alt und jung. Und dennoch: nur ein Gast, ein Fremder, der sich beimischt. So, verschieden von denen, deren Sang ich singe, Abfall derer, deren Blut ich in mir trage, bin ich verflucht und glücklich. Doch bin nicht ich es, nicht mein vorübergehendes Leid, nicht mein Lachen, das aus mir klingt. Ein unterirdisches Beben brach durch mich hindurch. Jahrhunderte schreien durch mich ihre Sehnsucht nach Lust. Durch mich, der ich nur ein Tropfen bin, rauscht das Meer der Schmerzen, durch mich, der ich sie nicht gekannt, schäumt die Bitternis der Ghetti. Ich spreche nicht. Mein Blut spricht, mein Stamm. Ich singe nicht. Etwas in mir singt." Die Schönheit der Sprache Otokar Fischers vermag ich nicht wiederzugeben. Als Jude hat er sich tief eingefühlt in alle Möglichkeiten und in allen Wohlklang der fremden Sprache. Als Meister des Wortes ist der Jude der Sprache treuer als dem Lande. Deutsche, spanische, persische Juden haben die Sprachen ihres Aufenthaltes in ihrem Ohre mitgetragen, als längst dem Auge die Konturen der Landschaft entschwunden waren. Und in die Süße der Sprache, die uns mit den Brüdern gleichen Zieles verbündet, tönt plötzlich der Ruf der Umkehr. Die Masken abl Und das jüdische Schicksal singt. Das Schicksal des Zweigespaltenen, der weniger und mehr, verflucht und glücklich ist. Des Doppelbeheimateten, der keine Heimat hat. Aber der die Freiheit hat, die ganze Erde als seine Heimat zu wissen. Das schwere Erbe der Ahnen spürt er bis zur Revolte. Aber man kann dies auch in hebräischer Sprache tun: Tschernichowski hat es wuchtiger getan als Heine. Je tiefer man in Zusammenhänge blickt, desto unwesentlicher dünkt einem das zufällige Kleid der Stimmen. Juden dachten und sangen in allen Sprachen — und es waren stets die gleichen Stimmen, die durchbrachen. Dem Schicksal entflieht der Jude in keiner Maske. Kein Jude sagt das bei Fischer, sondern Orestes: „Unser Geschlecht ist von Gott verflucht." Wohin er auch flieht, der Vorfahren schweres Erbe sitzt in seinem Blute. Und welche Geliebte am Wege er auch immer umarmen mag, um in der Lust der Vereinigung dem eigenen Bewußtsein zu entrinnen, die Stimme des Schicksals bricht in ihm unerstickbar hervor. Und wenn ihn die Sehnsucht nach seliger Ruhe erfaßt, hört er des Blutes Widerhall in sich lachen. So hörte es auch Heine, als er in Norderney war (und später in der Matratzengruft: da aber war die Maske gefallen, denn angesichts des Todes sind wir leichter nackt, und das dämonische Lachen des Blutes ward zu tiefer, von den Wurzeln her aufsteigender Weisheit). Fischer folgt ihm nach Norderney. Auch er steht vor dem Meere, das ihm Heines Worte zurauscht. „So hast du hier gesungen. Vergebens wäre es, es zu bestreiten: deines Blutes bin ich. Deiner Art? Vielleicht. Auch mich hat wahre Liebe nur im Traum umarmt. Auch mir entsprang aus großen Sehnsuchten nur ein kleines Lied. Auch mir ist deine auf dem Strande sinnlich mauschelnde Verwandtschaft feindlich fremd wie ich ihr. Doch zu dir überfällt mich etwas wie plötzliche Dankbarkeit, du Philosoph im Tanze, kokett in Dissonanzen, Sohn des Rheines, Kind der Seine, Wurzelloser, Doppeltverwurzelter, Rute, Sturmwind, Geächteter!" So bricht die „Mystik des Blutes" durch den Dichter. Und plötzlich weiß er — „wie liebe ich den Boden, wo ich geboren!" — sich getrennt von diesem Boden; der Tanz und die Lieder der Bauern seiner Heimat wecken kein Echo in seinen Adern. „Wenn ein Marsch ertönt, gehe ich in meinem Takt allein, wenn ich durch die Felder schreite, spüre ich etwas wie Neid, daß, ach, mein Leben nicht aus dem Felde emporwächst. Doch höre ich das Rauschen des Geistes, dann spüre ich in meinem Innern den Samen derer keimen, die seit den Tagen der Schöpfung auf der Erde sind und die bis an das

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