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Der Jude · 1923-01-01 · Heft 9 · p. 556

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
7 (1923)
Issue
Heft 9
Article
Stimmen
Date
1923-01-01
Page
556 (sequence 5)
Language
German
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Bemerkungen: Stimmen der Erhebung wurde, freilich um in einem einmaligen, alle von der Schwere der Verantwortung befreienden Schicksal verkörpert zu werden, da nur so die Botschaft zu den anderen gelangen konnte, die nicht die Kraft zu der Schwere hatten, die eine ständige Bereitschaft der Gottesknechtschaft erfordert. Das „süße Gift der plebejischen Weisheit" Gottes berauschte die Völker — und auch das hat Nietzsche als Form der Rache gesehen — aber gelebt wurde sie von den Juden, Nur daß sie so schwer zu leben war, daß sie ihr immer wieder zu entfliehen suchten. Und so ist des jüdischen Volkes Geschichte eine einzigartige Abfolge von Berufung und Abfall — Stimmen, die heischen und die man zu überhören sucht, wie schon die typischen Schicksale unseres Volkes, die von Moses und Jeremias, in heroischer Größe es zeigen. Otokar Fischer spricht als ein Wissender, als ein leise Zweifelnder und Verzweifelnder, als ein nach aller Schönheit Begieriger und immer wieder als ein Entzückter aus seinen Gedichten, Die Schwermut der Verzichtenden liegt über ihnen, dessen Sehnsüchte größer sind als seine Schöpfungen, und der den Abglanz des Lebens eher faßt und mehr liebt als das Leben selbst. Seine Sprachgewalt hat etwas Bezauberndes an sich, in immer andersartigen Rhythmen paßt sie sich jeder leisen Schwingung der Seele an. Aber hinter dem Dichter steht — liebenswerter noch — der Mensch, der ringende Mensch des Geistes, der sich Bote eines Unbekannten fühlt. Der Kämpfer, der mit allen mitfühlt, der alles zy verlieren den Mut hat, um zu neuen Bahnen aufzubrechen. Mitten hinein in seinen Sang tönen Stimmen der Urzeit; die Mystik des Bluts steigt für einen Augenblick von den Wurzeln her, von wo aus sie immer dunkel herrscht, in die Helle des Bewußtseins. Doch ist er hierin kein Einsamer. Dies steigt nicht nur in ihm allein auf. Es ist, wie wenn eine Flut das Meer der Rasse vom Grunde auftriebe. Vor vierzig Jahren — in den Jahren, die wohl Fischers Jugend beeinflußt haben, —■ schien es in Ost und West gleicherweise, als ob die Stimme des jüdischen Blutes verebbend verhalle. Jehuda Leib Gordon beklagte im Osten den Untergang seines Volkes; im Westen war kaum jemand mehr da, der klagte. Kaum schien der völlige Untergang besiegelt, kaum war jeder Hoffnungsstrahl versiegt, da kam wieder das Wunder, die Umkehr, das Wiederauferstehen, das immer in unserer Geschichte begegnete. Im Osten wie im Westen gleicherweise und fast gleichzeitig tönten die Stimmen wieder lauter. Wir leben in einer Zeit des Aufstiegs unserer Kräfte, die im Sich-Verlieren sich zu sammeln schienen; um uns herum steigt die Flut. Sie treibt die ewigen Erdenwaller neuen Schicksalen zu. Auch in dem versprengten und von seinem Blute weit abgeströmten tschechischen Dichter Otokar Fischer singt das jüdische Blut. Hans Kohn o

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