Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 9
- Article
- Stimmen
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 553 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Bemerkungen: Stimmen 553 Jüdin von heute erwacht Ruth, Esther, Eva, das ewige Rätsel des Weibes, der Rasse. Beides sind tief an die naturhafte Grundlage unseres Seins gebundene Kräfte, die wie Chaos aus unbeherrschbarer, unergründlicher Tiefe in den Kosmos unserer geistigen Persönlichkeit einbrechen; gefährlich, falls sie nicht geläutert in die Klarheit des Geistes erhoben werden, (Weininger ging an ihnen zugrunde), von erhöhender Wirkung, falls sie aus der Tiefe unser persönliches Schicksal in große Zusammenhänge einstellen. Weib und Rasse sind Unendlichkeit in die Tiefe — das Meer ist Unendlichkeit in die Weite. Auch aus dem Meere rauschen Stimmen, fragt das Rätsel. Darum steht der Jude immer wieder vor dem Meere und lauscht seiner Stimme und läßt die Unruhe seines Blickes schweifen zu wagender Fahrt in verschwimmende Ferne. Heimatlos wie er, bespült das Meer doch viele Küsten, unverbunden, vielverbunden, vielverbindend. Noch bevor Jakob-Israel je das Meer gesehen hat, kündet er,v seine Gewalt ahnend: „. . . . und zögen wir Dem Weg der Sonne immer nach ... einmal— Es käm einmal entgegen uns ein Murmeln, Ein dumpfes Raunen nur zuerst, und schwölle Mit jedem Schritte dunkler grollend an Zu wildem Rauschen, das uns riefe — und Wie trunken taumelnd keuchten wir hinan Die letzte Steile, bis in jäher Tiefe — Aufbrandend an dem Fels in Sturm und Tosen, Umzischt vom Brausen weißer Schäume — uns Entgegenwürf e donnernd sich — das Meer!... Dann stünden denn wir zwei Hoch oben dort und tränken tiefen Atems den feuchten Hauch der Flut und fühlten: Weit — Weit aufgetan ist hier uns eine Pforte... Nichts grenzt uns hier — des Himmels Winde weh'n____" (Richard Beer-Hofmann: Jakobs Traum) So auch stand Heine in Norderney vordem Meere. Und die Erkenntnis kam ihm dort, daß „Nationalerinnerungen tiefer in der Menschen Brust liegen als man gewöhnlich glaubt. Man wage es nur, die alten Bilder wieder auszugraben, und über Nacht blüht hervor auch die alte Liebe mit ihren Blumen". Etwas von Heine lebt in all den jüdischen Dichtern heute noch fort, die von dem Schicksal ihrer Rasse sich entfernt glauben und doch zu tiefst daran gebunden sind. In unseren tiefen Stunden finden wir uns auf geheimnisvolle Art unseren Vätern verwandt, fühlen ihr Blut in uns rauschen, erkennen in uns staunend die Wiederkehr ewigtypischen Schicksals, Gottes Berufung und Verwerfung. Bis dann einer daraus zum Dichter wird, in dem die Stimmen erklingen, in dem Ewigkeit mitschwingt, Wellenschlag des Meeres der Geschlechter anbraust und verebbt, der die Harfe des Mysteriums wird. Otokar Fischer, Professor der deutschen Literatur an der tschechischen Universität in Prag, Gelehrter, Kritiker und Dichter, Übersetzer Nietzsches und Stelleys, auf Böhmens Erde geboren und an den Ufern der Moldau erzogen, aber vielen Kulturen verbunden, Jude der Abstammung, wenn auch nicht dem Glauben nach, soweit „Assimilant", daß er sich nicht mehr Assimilant nennt, weil er selbst davon bereits sich losgelöst wähnt, hat ein Bändchen Gedichte veröffentlicht, „Hlary" (Stimmen) benannt. Drei Mächte beherrschen dies Buch: das Weib, das Meer, das Blut der Rasse. Aber von all den dreien tönt der letzten Stimme am tiefsten und mächtigsten. Ein Gedicht heißt „Zu den Wurzeln". Ein faustischer Abstieg durch die Zeiten rückgewandt. Immer tiefer geht die Fahrt. Durch fremde Körper weht des Dichters Geist. Jetzt ist er ein Hausierer, nun ein Schriftgelehrter, nun ein in süßen Gärten der Legende Entzückter. Tief fühlt er seine Seele durchweht von der Wanderung. „Die Masken ab! Die Stunde der Rückkehr kamt Ich bin von jenen, denen das Herz im Lachen blutet, Adlige der Trauer, ewige Wanderer, die im Pilgerschritt wie ein Sklavenheer, wie Gottes Vortrupp zogen. Er hat wie seinen Mantel eine Wolke um sie gehüllt. Und ich bin einer von ihnen . .. Und ich empfinde ihnen gegenüber Groll. Mir sind die Gebete der Vertriebenen ein Gelächter — und auch meine Wange verzerrt der Geächteten Lachen Die Fußstapfen, in denen mein