Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 9
- Article
- Stimmen
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 552 (sequence 1)
- Language
- German
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BEMERKUNGEN STIMMEN Eine Sommernacht, in der die ganze Natur den Rausch der Liebe ausströmt, überfällt zwei Menschen, Juden und Jüdin. Gleiches Blut eint und trennt sie. „Wir können nur mit Mühe uns die Hände reichen, Fremdling du Schwester, Kind aus Judäa. Je näher wir verwandt, um desto tiefer scheint zwischen uns die Schlucht sich aufzutun. Heut in der Liebesnacht tönt mir aus fernsten Zeiten, die Stimme, die tagsüber stumm verbleibt, daß wir aus der Verfluchten Lande stammen, denen nur fremde Liebe ihr Gebrechen heilt." Und so gehen die zwei Menschen auseinander, ohne sich zu erkennen, „.., Nun höre ich, der blutschänderischen Nacht entronnen, das Blut der Rasse, dem man nicht entrinnen kann", sagt der Dichter. Schicksal des jüdischen Menschen, der sich schon fast völlig von seiner Rasse losgelöst hat Das traditionsbestimmte Schicksal seines Volkes, das einst den Vätern als schwere Pflicht der Auserwähltheit galt, dünkt ihm nur Fessel des Verfluchten, Gebrechen und Sünde, die allein in jenem heitern Lande der Unbelasteten geheilt werden können, das frei ist von düstern Segenssprüchen, die sich so leicht in Flüche wandeln. Heine, Weininger und Tschernichowski mag, jeden in verschiedener Art, doch ähnliche Sehnsucht getrieben haben. In Wassermanns tiefem Jugendwerk, den „Juden von Zirndorfin Abstammung und Schicksal derAgatheGeyers dämmert sie durch. In jeder seiner Auswirkungen trägt das jüdische Schicksal den Charakter des Einzigartigen in sich, des Un vergleichlichen, dessen, das die Normen der für alle anderen verbindlichen Gesetze zu überfliegen scheint, um Normen anderer, höherer, künftiger Art aufzustellen. Das schmerzhafte Rätsel seines ewigen L ebens, die quälende Ahnung einer Mission, der ewige Fluchtversuch ins Normale (der Zionismus Herzls war ein derartiger Versuch) machen das Leben des Juden bewußter, als es das Leben jedes anderen Volkes ist. Alle Pestimmungen wie Rasse, Volk, Religion erweisen sich als nicht völlig' anwendbar auf den Juden. Menschen anderer Völker können leben, können in fremden Nationen aufgehen, ohne daß innere Stimmen ihre Ruhe und die Sicherheit ihres fast unbewußtenWeges trüben. Juden können das nicht. Eine Unruhe brennt in des Juden Blut. Selbst in den scheinbar so kühl geordneten Sicherheiten des Börsenspekulanten oder des Industriellen gähnt plötzlich, irgendwo, der Abgrund. Nur daß er zurückschrickt, in ihn hineinzublicken. Bis es auch in ihm einmal in einer überraschenden Wendung seiner Gedanken, in einer intellektuellen Geste durchbricht. Seit den Tagen Abrahams und Moses haben den Juden Stimmen gerufen, seit jenen Tagen klingen sie ihm immer wieder aus seinem Blute auf. Die Stimmen stellen dunkle Fragen, heischen Antwort und Entscheidung. Treiben sie ihn in Unruhe, und lösen sie ihn irgendwie von Gegenwart und Umgebung los, so schenken sie ihm dafür die Fülle von Erinnerungen der Jahrtausende und von Wanderungen über Kontinente. Die Nacht 'und die Hingegebenheit der Liebe und die unendliche Natur des Meeres scheinen den Lärm des Tages im Menschen zu dämpfen, so daß er stärker der Stimmen lauschen kann, die aus den Wurzeln seines Seins aufsteigen. Das Weib scheint dem Rhythmus des Blutes und der erbgebundenen Folge der Geschlechter tiefer verfallen als der Mann; die mutterrechtliche Gesellschaftsordnung scheint primitiven Stufen, da noch nicht die freien Gebilde des Geistes*die Bande der Natur überflogen, eigen zu sein. Ifl den Stunden der völligen Hingabe, da die wachsame zügelnde Kontrolle nachläßt, blinkt aus dem Grunde feuchter Augensterne Erinnerung auf an vergangene, immer gleiche Funktionen: Braut und Mutter. In der