Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 9
- Article
- Jüdische Archäologie und jüdische Kunstwissenschaft
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 548 (sequence 4)
- Language
- German
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s48 Erich Toeplitz: handwerklicher sein. Die Gotik ist dem Italiener aber wiederum so fremd, daß er sich in ihr eigentlich im Gegensinn bewegt. Er wild eher handwerklich oder bleibt altertümlich, oder aber er folgt nur äußerlich der Zeit, faßt tatsächlich die Dinge ganz anders auf und verarbeitet sie innerlich gar nicht. Diese ganz rohen Beispiele beweisen schon, daß diese Erscheinungen nicht auf dem Erfinderwillen oder der Schöpferkraft einzelner Nationen beruhen, sondern daß diese sich bescheiden müssen, bis ihre Zeit gekommen ist. Dem entsprechend wäre z. B. der Fall denkbar, daß eine Nation überhaupt nicht zum Ausleben ihrer Kunst gelangt, weil sie etwa nicht mehr im Entwicklungsgang des Kulturkreises liegt, in den die Nation hineingeraten ist. Denn die Kulturkreise selber sind z. T. langsamen, z. T. gewaltsam-raschen Veränderungen unterworfen. Die dauernden Verschiebungen ändern das Bild, so daß wir nur von Fall zu Fall zu entscheiden vermögen. Aus all diesen komplizierten und oft gar nicht zu lösenden Überschneidungen führen nun allerdings zwei Wege heraus. Der empirische Pfad geht über die Kunstwerke selber, die zuerst einmal inhaltlich, dann zeitlich, dann stilistisch zusammengefaßt werden. Im Vergleich mit den stilistisch ähnlichen Schöpfungen anderer Völker finden sich dann die Unterschiede, wenn solche vorhanden sind; d. h. innerhalb jeder epochalen Kunstauffassung finden sich nationale Besonderheiten, die noch nicht einmal durchaus konstant zu sein brauchen. Diese zuerst sicherlich noch mangelhaft erkennbaren Eigentümlichkeiten werden weiter verfolgt und zur Grundlage weiterer Studien gemacht. Der ideologische Pfad führt zu Überlegungen, um auf Grund der Kenntnisse von anderen Kulturgebieten einer Nation zur Erkenntnis ihres Kulturkreises zu gelangen, wobei die Geschichtswissenschaft eine zuverlässige Stütze bietet. Ist der Kulturkreis — für eine bestimmte Zeit — festgelegt, so gilt es die kurze Spanne zu erforschen, in der das Volk herrschend war. Dabei darf nicht vergessen werden, daß politische und kulturelle Herrschaft etwas Grundverschiedenes sind. Auch innerhalb der kulturellen Herrschaft treten bescheidene zeitliche Differenzen zwischen bildender Kunst, Literatur, Musik, Philosophie usw. auf. Wird auf dem ideologischen Wege eine bestimmte Epoche gefunden, in der man annehmen muß, daß die Nationalkunst herrschend ist, so untersucht man die Denkmäler dieser vermeintlichen künstlerischen Blütezeit. Auch hier geht man dann den empirischen Pfad weiter, ohne den man niemals auskommt. Am besten dürfte es sein, dann besonders vorsichtig vorzugehen und erst nachher mit Hilfe spekulativer Vergleiche aus anderen Kulturgebieten, etwa Literatur, Philosophie, Musik usw., weiter fortzuschreiten. Das Märchen von den kunstlosen oder — feindlichen Nationen oder Rassen und der Schöpferkraft besonders begabter Völker, die Normen abgeben oder das Kunstideal erreichen, ist längst widerlegt. Schwieriger ist das Problem, ob die Juden eine eigene Kulturentwicklung aufzuweisen haben oder ob diese mit dem Ende der staatlichen Selbständigkeit aufgehört hat. Diese Frage ist abhängig