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Der Jude · 1923-01-01 · Heft 9 · p. 547

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Journal
Der Jude
Volume
7 (1923)
Issue
Heft 9
Article
Jüdische Archäologie und jüdische Kunstwissenschaft
Date
1923-01-01
Page
547 (sequence 3)
Language
German
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Jüdische Archäologie und jüdische Kunstwissenschaft 547 Nicht nur für die Kenntnis der jüdischen Vergangenheit, sondern auch für die allgemeine Kunstwissenschaft würde eine sachkundige Erforschung der jüdischen Kunstdenkmäler von Wert sein. Die christliche Archäologie kann mangels einer jüdischen Archäologie die Frage nicht entscheiden, ob die sogenannte christliche Kunst eine direkte Nachfolge der heidnischen Antike ist, oder ob nicht mindestens die judenchristlichen Kreise auf einer jüdischen Tradition aufbauten. Die oft völlig rätselhaften fremden Einflüsse im künstlerischen Gestalten sind, zwar hypothetisch, aber manchmal vielleicht nicht ganz unberechtigt auf jüdisches Kulturleben zurückgeführt worden. Jedenfalls ist das jüdische Material für die Kunstforschung mindestens so wertvoll, wie die neuesten Funde in allen entlegenen Winkeln der Erde, die sich meist unserer Kenntnis und Beurteilung völlig entziehen. Neben der Frage nach der Bedeutung taucht aber sofort die nach dem Erfolg auf und wird gerade von Wissenschaftlern sehr häufig in den Vordergrund geschoben, obgleich der Erfolg keineswegs für die Bearbeitung irgend eines Gebietes der Wissenschaft ausschlaggebend sein dürfte. Die wirkliche Fragestellung läßt sich aber auch wissenschaftlich formulieren und beantworten. Gibt es eine jüdische Kunst, dann hat auch die jüdische Kunstforschung einen bestimmten Umriß und demgemäß einen bestimmten Erfolg, ist dem nicht so, dann wäre die ganze Arbeit eitel Spiegelfechterei und Haschen nach dem Wind. Die Franzosen1) haben damit begonnen, eine jüdische Kunst zu leugnen. Darauf fußend bemüht sich ein großer Teil der Kunstforscher, das Vorhandensein einer jüdischen Kunst ohne weiteres mit allen möglichen, meist recht fadenscheinigen Gründen abzulehnen. Diese Bemühungen werden noch bekräftigt durch die albernsten rassenideologischen Ideen und durch das Verlangen, bekannte Maßstäbe (z. B. das griechische Kunstideal) als Grundlage der Beurteilung festzulegen. Nun hat uns die Beschäftigung mit der Kunst der verschiedenen Völker, die z. T. gar nichts miteinander gemein haben, gelehrt, daß innerhalb bestimmter Kulturkreise bestimmte (und scheinbar sogar ähnliche) allgemeine Grundtendenzen allen Künstentwicklur gen zu eigen sind. Diese Grundtendenzen stehen in einem gewissen Zusammenhang rait der Einstellung zur gesamten Kultur in einem bestimmten Kulturkreis und werden von niemanden erfunden oder der Welt geschenkt. Vielmehr ist ein bestimmtes Volk immer dann herrschend in seinem Kreise, wenn die ihm analoge Kultur und damit auch die ihm analoge Kunst innerhalb des Entwicklungsganges seines Kreises herrschend wird. Aus diesem Zusammenhang ersehen wir, daß es zwar nationale Besonderheiten innerhalb der Zeitauffassung der Kunst gibt, daß diese aber nur schwer erkennbar sind, wenn wir nicht gerade die der betreffenden Nationalkunst entsprechende Zeit vor uns haben. Die Spätgotik, der späte Barock und das Rokoko mögen z. B. die Blütezeiten deutscher Kunst sein, und in der Tat dürften entgegengesetzte Epochen talentloser, wenn nicht gar einfach x) De Saulcy, Histoire de l'art judaique, Paris 1858. 35*

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