Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 9
- Article
- Jüdische Archäologie und jüdische Kunstwissenschaft
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 546 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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546 Erich ToepHtz: der Archäologen und Kunsthistoriker treten. Geschieht dies nicht, so bleibt die Kenntnis von Juden und Judentum so einseitig und trocken, wie sie leider heute noch ist. Im Interesse der weitesten Kreise wäre es deshalb zu begrüßen, daß. die jüdische Forschung dieselbe Erweiterung anbahnt, wie sie die nichtjüdische schon seit geraumer Zeit erfahren hat. Als Beispiel sei darauf hingewiesen, daß die Beschäftigung mit den Synagogenbauten eine sinnlich leichter faßbare Grundlage für die Kenntnis der jüdischen Vergangenheit gewährt, als es die geschichtlichen Begebenheiten selber vermögen: Eine Synagoge in der ausgehenden Antike ist ein lebendiges Symptom des kulturellen Lebens, sowohl einer bestimmten Weltkultur, als auch einer besonderen Nationalkultur innerhalb der ersten: Aus den Trümmern der dynastischen Priesterreligion eines monarchischen Zeitalters erhebt sich die volkstümliche Laienreligion der Demokratie unter Führung der Gelehrten. Diese Gelehrten sind die geistigen Erben der Ältesten und der Propheten; durch die späte hellenistische Weltkultur wird die nationale Besonderheit: Vorherrschaft der Gelehrten, ermöglicht, die bis heute besteht. Die Synagogenbauten weisen die entsprechenden Merkmale in aller Schärfe auf; an Stelle der dunklen Tempelzelle steht der Schrein für die Gesetzbücher, statt des Priesterhofs finden sich die, den Ältesten vorbehaltenen Sitze, den Platz des Altars für die Opfer nimmt die Tribüne für die ThorahVorlesung ein, und die Menge darf statt eines streng abgegrenzten Vorraums die frei um diese Estrade liegenden Plätze einnehmen. — Für alle Zeiten ließe sich, selbst bei dem geringen, heute zur Verfügung stehenden Material, Ähnliches zeigen. Allerdings nur, wenn man exakt wissenschaftlich vorgeht und nicht versucht, alle möglichen oder unmöglichen eigenen Ideen in die Betrachtung hinein zu tragen, die die Sache ins Gegenteil verkehren. Grotte z. B. operiert in seinen verschiedenen Arbeiten*) mit den gröbsten Irrtümern. Nach ihm hat sich die Synagoge (das Bauwerk) aus dem Tempel entwickelt, trotz der völligen Neuartigkeit des gänzlich umgestalteten Kultus, der eine andere Bauaufgabe stellte: Die Anordnung der Vorlesungstribüne in der antiken Synagoge sei nach Muster viel späterer (!) sefardischer Synagogen an der Westwand zu suchen, trotz der ausdrücklichen talmudischen Überlieferung von der Mittelstellung cfer Tribüne in der Synagoge in Alexandria; die Verschiebung dieser Tribüne nach vorne in der Auf klärungszeit sei eine Forderung der Raumersparnis, trotz der ganz offenkundigen Assimilierungsbestrebungen aller, auch der konservativen Kreise. Daß solche Arbeiten geeignet sind, die jüdische Kunstforschung in Mißkredit zu bringen, wird niemand leugnen, man muß dennoch betonen, daß damit gar nichts über ersprießlichere Möglichkeiten gesagt ist. Es sei hier nur an die vorzüglichen Ausgrabungsberichte von Kohl- Watzinger über „Antike Synagogen in Galiläa" erinnert (Leipzig I9l6)> die zeigen, wieviel auf diesem Gebiet zu leisten möglich ist. i. Beiträge zur Entwicklung des Synagogenbaues (Berlin 1915), 2. verschiedene Aufsätze in der „Monatsschrift für die Wissenschaft des Judentums."