Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 9
- Article
- Die Wiederherstellbarkeit der althebräischen Vokalmusik
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 543 (sequence 16)
- Language
- German
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Die Wiederhersteltbarkeit der althebräischen Vokalmusik 543 noch sind die Zusammenhänge hier nicht ausgeschlossen, da die Quantität durch das Tempo ja immer stark erhöht wird. Gewisse psychologische und musikhistorische Momente sprechen ebenso dafür. Der Viervierteltakt ist — wie ich an einer anderen Stelle schon einmal ausführte — der Takt der Massen. Die antiken Juden waren religiöse Massen, die viele Umzüge veranstalteten und darum den einfachsten Takt benötigten: den Viervierteltakt. In den synagogalen Gesängen fällt uns heute noch manchmal der marschartige Viervierteltakt auf: er ist gewiß ein fast verschüttetes Rudiment aus der alten Zeit. * In den religiösen Melodien des Ostjudentums, in den Psalmen und Stufenliedern, finden wir fast nur diese merkwürdige Wiederkehr des Viervierteltaktes, vielfach marschartige Lieder in Moll oder in gemischter Tonart. Aber nicht allein das: die Vorliebe Meyerbeers und Offenbachs für Märsche, Lieder in Marschart, vor allen Dingen Gustav Mahlers reichliche Verwendung der Marschtonart: — auch sie sind Dokumente für einen letzten und tiefsten psychischen Grundzug, der dem Judentum eignet. Ich bemerke dies, wie gesagt, nur mit äußerster Vorsicht. Der Anapäst gibt der hebräischen Sprache einen dionysischen Charakter, während der Viervierteltakt eigentlich undionysisch erscheint, eher gebändigt, entschlossen. Doch der Widerspruch ist nur scheinbar. Beides vereinigt in sich ein Höchstmaß an Energie; beides geht im letzten Grunde auf das Letzte zu; beides ist ein Zielen über die Materialität des Gegebenen hinaus. Der Viervierteltakt ist nicht so sehr Takt des Gleichmaßes, als vielmehr Takt des Übermaßes. Er potenziert die Energie ins Ungemessene, um sie schließlich vollkommen explosiv zu entladen. Aber es wäre vollkommen verfehlt, nicht sämtliche Taktarten für grundsätzlich möglich zu halten. Aus dem Viervierteltakt lassen sich alle anderen Taktarten ableiten. Es mag vielleicht gerade in dem anapästischen Charakter der hebräischen Sprache liegen, daß sie sich an keine Taktart vollkommen bindet. So waren ja auch bis heute alle Versuche verfehlt, der Bibel gewisse starre Metra und Versgesetze zu unterschieben, wie etwa dem Homer. Der sprachliche Rhythmus ist nur aus einer gewissen psychologischen Grundstruktur heraus anapästisch, im letzten Sinne ist er frei, weil er keine äußere Bindung hat. So mag es auch mit dem musikalischen Rhythmus sein: psychologisch dominiert der Viervierteltakt, weil er der Takt der Massen ist, im übrigen ist er kein starres Grundgesetz, der Wechsel der Taktarten ist weitaus wahrscheinlicher, weshalb alle Fixation durchaus problematisch bleibt. Immerhin sei damit nicht endgültig auf jede Rekonstruktion verzichtet. Es ist nicht ausgeschlossen, daß bei der nötigen Freiheit und Unverzagtheit die Fixation der Taktarten einmal gelingen wird. Vor allen Dingen werden wir aus der Vorliebe für den reichlichen Taktwechsel in der niodernen, stark jüdisch bestimmten Musik die Konsequenzen noch zu ziehen haben. Erst wenn wir hier die Zusammenhänge mit dem Zurückhegenden erfaßt haben, werden wir auf die Möglichkeiten des Taktes kom-