Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 9
- Article
- Die Wiederherstellbarkeit der althebräischen Vokalmusik
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 544 (sequence 17)
- Language
- German
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544 Heinrich Berl: Die Wiederherstellbarkeit der althebräischen Vokalmusik men. Vergessen wir nicht: wichtiger als der Takt ist dem hebräischen Sprach- und Seelencharakter das Tempo. Takt ist Geist, Maß; Tempo ist Seele, Ausdruck. Der expressive (um nicht zu sagen: expressionistische) Charakter des Judentums geht in erster Linie auf den Ausdruck — folglich auf das reine Tempo. Diese wichtige Grundtatsache darf nie außer acht gelassen werden. Wir können unsere Ergebnisse dahin zusammenfassen, daß die Rekonstruktion sversuche nicht prinzipiell zurückgewiesen werden dürfen, wenn sie von den immanent-rhythmischen Sprachgesetzen ausgehen. Es wäre lächerlich, der Sprache nicht dieselben musikalischen Urelemente zuzugestehen wie der vom Wort gelösten Musik selber. Hier, bei der althebräischen Vokalmusik, gilt dies umso mehr, als es feststeht, daß sie ursprünglich reiner Sprechgesang war, also gar nicht so sehr auf das Melos im üblichen Sinne, sondern in erster Linie auf den Rhythmus angewiesen war. Musik als Tonalität war sie ohnehin nicht, sondern nur Musik als Klangfarbe. Eine Einschränkung bleibt allerdings bestehen: es muß eine Prüfung vorausgehen, inwieweit das Material standhält. Wir dürfen keine Bibel zugrunde legen, die erst im Jahre 700 nach Chr. von den Massoreten die entsprechenden Zeichen erhalten hat und dürfen auch nicht die N'ginoth, nach denen heute jeder Kantor singt, zum Ausgangspunkt nehmen.1) Nur ein ungemischtes Hebräisch kann uns Unterlagen liefern. Dafür darf auf der anderen Seite eine größere psychologische Freiheit treten. Divination muß enge Deutelei ersetzen. Ich enthalte mich hier eines Urteils speziell über die Versuche von Arends, da sie mir besonders im Vergleich mit Schön berg vieles richtig zu treffen scheinen. Aber der hier beschrittene Weg muß sowohl wissenschaftlich vertieft wie divinatorisch erhöht werden: vielleicht werden wir dann einmal das Rätsel der jüdischen Musik lösen, das kein geringeres ist als das des Judentums selber. *) Gewisse Anhaltspunkte bieten natürlich auch die N'ginoth. Wichtig ist z. B., daß die N'ginoth des Pentateuch sich bei allen Juden der Zerstreuung gleich erhalten haben, eine Tatsache, die auf eine tiefere Identität und auf ein hohes Alter der ihnen zugrunde liegenden Urmelodien schließen läßt. Die N'ginoth der Propheten häben dagegen weniger Übereinstimmung, sind auch gegenüber den Pentateuch-Melodien abweichend, was vermuten läßt, daß sie gewiß erst später entstanden sind. — Hier noch einige Andeutungen: Sarkasegol ( . ) bedeutet zwei Takte in Vierviertel, die nicht über eine Quart hinausgehen und in ihrem Charakter sicher sehr viel Ursprüngliches verraten. Ähnlich verhält es sich mit munach und munach-r'wia (.jrund -j.). Mahpach, paschta, sakefkatan (< % •*) bewegt sich innerhalb einer Oktav und hat weniger Ursprüngliches. Dagegen ist sakef gadol, mercha, tipcha, munach ethnachta (''juj) mit seinen knappen Intervallen wieder sehr im Charakter von sarka-segol. Ganz unecht erscheint auf dem ersten Blick paser und schalscheleth (/''und £), eine künstliche Triole und eine unnatürliche melismatische Tonfigur. — Interessant ist schließlich für diese Zusammenhänge noch, daß der Takt der N'ginoth gleichfalls der Vierviertel ist, eine Tatsache, aus der die Konsequenzen jetzt leicht zu ziehen sind.