Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 9
- Article
- Die Wiederherstellbarkeit der althebräischen Vokalmusik
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 542 (sequence 15)
- Language
- German
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542 Heinrich Berl: jeden Laut und jede Lautverschiebung auf ein engeres Intervall konzentrieren und damit eine ganz neue Klangsprache schaffen. Tonsysteme sind dabei schlechthin alle möglich, wie ja die jüdische Musik als bedeutsames Cachet gerade alle bis jetzt gekannten Tonsysteme in sich einschließt. VIL Zum Schlüsse wäre noch Einiges über die Möglichkeit des Taktes zu sagen. Wir sahen schon, daß sich das Tempo aus dem Akzent ergibt. Es gibt einen Wortakzent und einen Satzakzent, die beide die Funktion der Tempisierung haben. Schwieriger gestaltet sich das Problem bei der Erfassung des Taktes. Woher die Taktstriche, Taktteile, Taktordnungen, Taktarten? Läßt sich das herauskonstruieren und auf bestimmte Takte fixieren, wie es Raoul Ginsburg getan hat? Kommt es schließlich auf bestimmte Taktarten an? Der Takt ist die zeitliche Geltung einzelner Töne in ihrem Verhältnis zueinander. Die Dauer des isolierten Tones ist ihm nicht wichtig, sondern seine Dauer in der Beziehung zu den anderen Tönen. Der Takt setzt also Grenzen in den Tonmassen, er wägt gegenseitig ab. Insofern bestimmt er die Zeit quantitativ, nicht qualitativ, wie das Tempo. Die Quantität der gemessenen Tonart bestimmt noch nicht die Intensität ihres Ausdruckes. Takt ist Zeit als Raum, als Maß, Tempo ist Zeit als Ewigkeit, als Wert. Auf die notwendige Begreifbarkeit des Taktes aus dem primären Tempo in der hebräischen Sprache ist gleichfalls hier schon hingewiesen worden. Sie ergab sich aus der Feststellung, daß die Prosodie der hebräischen Sprache nicht quantitierend sei, sondern akzentuierend. Mit jeder Akzentuierung ist eine Tempisierung verbunden. Dies war z. B. bei den Griechen nicht der Fall. Sie maßen die Silben rein quantitierend, eine unbetonte Silbe konnte als Länge, eine betonte Silbe als Kürze erscheinen. Es gibt lange (schwere) und kurze (leichte) Silben; denn zu ihrem Aussprechen braucht man bald längere Zeit, bald kürzere. So gibt es schwere („gute") und leichte („schlechte") Taktteile; denn die einen werden mehr, die anderen weniger betont. Es ist ganz klar, daß die Prosodie der Sprache in erster Linie der Lehre des Taktes in der Musik entspricht. Insofern ist jeder Versfuß dasselbe für die Sprache, was der Takt für die Musik ist. Die Identität betrifft natürlich immer nur das Prinzip, nie das einzelne Schema. Immerhin ist es nicht ausgeschlossen, daß der anapästische Charakter der hebräischen Sprache die Fixation einer bestimmten Taktart zuläßt. Naheliegend wäre der Viervierteltakt, (u u — V* + V* + 7* V*) * Ich bemerke dies nur mit äußerster Vorsicht, denn die Silben quantität des Anapäst ist wahrscheinlich nicht sicher festzustellen, zumal das Verhältnis im musikalischen Takt gleicherweise verschiebbar ist. Bei dem Anapäst ist die Akzentuierung auf die letzte Silbe verschoben, wodurch er den energischen, sprunghaften Charakter erhält, während im Viervierteltakt, wie in allen Taktarten, der Akzent auf dem ersten Taktteil ruht. Den-