Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 9
- Article
- Die Wiederherstellbarkeit der althebräischen Vokalmusik
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 541 (sequence 14)
- Language
- German
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Die Wiederherstellbarkeit der althebräischen Vokalmusik 541 Aber einmal abgesehen von dieser skeptischen Warnung scheint es besonders auch im Hinblick darauf, daß unser Tonsystem nicht minder relativ ist, doch sehr wahrscheinlich, daß jeder Buchstabe eine bestimmte Tonhöhe vertritt. Wir finden heute noch, besonders im Ostjudentum, eine Umgangssprache, die vollkommen ,,singend" ist und durch die bestimmte Wiederkehr des Tonfalles mit Sicherheit verrät, daß jedem Buchstaben seinem Wesen nach eine bestimmte Tonhöhe einwohnt. Allerdings ist es wichtig darauf hinzuweisen, daß es sich hier überall um Sprechgesang handelt, nicht um ein irgendwie künstlerisches oder künstliches M e 1 o s. Der Sprechgesang hat eigentlich nur eine Klanglichkeit, während erst das Melos Tonhöhen im besonderen Sinne hat. Insofern wird die „Tonhöhe" des Sprechgesangs eine ganz andere sein, als die des Melos; wie auch das Rezitativ — besonders das Secco-Rezitativ —• in der Oper eine wesentlich andere ist als die Arie. Tatsächlich liegt es aber im Charakter des Juden — und im weiteren Sinne des Orientalen — das klangliche Rezitativ höher zu stellen als das tonale Lied. Das ist nicht Mangel an melodischer Kraft, sondern ein Empfinden für das Melos, das aus viel tiefer liegenden seelischen Schächten gespeist wird. Da also Vokalmusik — die wir für diese Zusammenhänge vielleicht, richtiger Konsonalmusik nennten — bei den Juden unbedingt in allererster Linie Sprechgesang bedeutet, muß der Versuch der Rekonstruktionen grundsätzlich dahin bejaht werden, daß es für Buchstaben, Zeichen und Akzente Klangwerte gibt, die ihnen urgesetzlich inhär i e r e n und die möglicherweise fixiert werden können. Man vergesse nicht, daß es sich dabei lediglich um die Ausfüllung einer Oktave handelt. Septimen- und Oktavensprünge gibt es in der synagogalen Musik; Quarten- und Quintensprünge stehen ebenfalls fest; Prim und Sekunde stellen ihre normalen Tonschritte dar, Terzen hat man ebenfalls beobachtet, und nur die Sext könnte in Frage gezogen werden; doch ist es bei dem Vorhandensein von Quint und Sept beinahe ausgeschlossen, daß der Sprung zur Sext gefehlt haben soll. Damit hätten wir die Oktave, und jede weitere Erhöhung konnte nunmehr nur noch eine Angelegenheit mechanischer Verschiebung in die höhere oder tiefere Tonsphäre sein. Dabei scheint sicher, daß es —■ neben den diatonischen Intervallen unserer heutigen Oktave —- auch Chromatik und Bichromatik gegeben hat, denn sie repräsentieren ja gerade das ,,konsonantische" Element in der Musik. Wir beobachten heute noch in den spanischen und italienischen Synagogengesängen sowie in einigen ostjüdischen Liedern ein „Ziehen", das sicher das älteste Element in der jüdischen Musik darstellt und das sich vielfach nicht einmal in Viertel- und Dritteltönen fixieren läßt: ein Zeichen, daß gerade der konsonantische Charakter der jüdischen Sprache sie hervorragend zu Klangnuancen prädestiniert. Die Oktave ist —wie schon eingangs hervorgehoben —lediglich eine Spannungsgrenze, aber keine Intervallgrenze. Insofern kann man durchaus