Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 9
- Article
- Die Wiederherstellbarkeit der althebräischen Vokalmusik
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 540 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/3101111-3101189-3101198-3108483--6399-3108543- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
54<> Heinrich Berl: schiedenen Elementen, die das Durchdringen bis zu ihrem Urbild sehr erschweren. Aber ein Urbild ist vorhanden. Das fühlt man deutlich aus all diesen äußerlich akklimatisierten Elementen heraus. Irgendwie gehen diese Gesänge alle auf ein Letztes zurück. Insofern stellen diese Sammlungen ein wertvolles Material dar, wenn man sie eben nur materiell betrachtet und das Urgebilde herauszuschälen versucht. Mit ihnen hängen der synagogale Nussach und vor allen Dingen die N'ginoth zusammen, die beim Vorlesen der Thorah verwendet werden. Diese sind musikalische Zeichen unter und (zum kleineren Teil) über den Buchstaben, die meist ganze Tonfiguren bedeuten. Der Nussach ist eine speziell ostjüdische Gestalt der religiösen Melodie, während die N'ginoth beinahe einer Tonschrift nahekommen und später entstanden sind. Es gilt alles das abzustreifen, was nun für uns in späterer Zeit hinzugekommen zu sein scheint und die Urgestalt verdeckt. Einen Rückhalt bietet uns dabei die Psychologie und — wie wir gleich sehen werden — die Sprache. Ein Moment, das uns bei den synagogalen Gesängen immer wieder begegnet, ist das Fortschreiten der Melodie in Primen oder Sekunden und ihr jeweiliges Aufschreiten von der Tonika zu Quart oder Quint. Dies Fortschreiten geschieht meist langsam, mit fest bestimmten Werten, das Aufschreiten meist eruptiv, so daß es mehr Aufschreien als eigentlich Aufschreiten ist. Damit Hand in Hand geht der mehr konsonierende Charakter der ersten Silben und der vollkommen vokale des Auf Schrittes. Wir stoßen hier also gleich wieder auf die Zusammenhänge mit der Sprache. Die hebräische Sprache ist anapästisch "oder tribakchysch, d. h. Konsonanz und Vokalität verhalten sich zueinander wie Zwei zu Eins oder gar wie Drei zu Eins. Es ist ganz klar, daß durch die Verhaltenheit der ersten Silben der Vokal herausgeschleudert wird und dadurch einen gleichzeitigen Sprung von mindestens einer Quart oder Quint macht. Man prononciere daraufhin das öfter vorkommende A-dau-noi. A und au der ersten beiden Silben haben nicht eigentlich vokalische Bedeutung, erst das oi der dritten Silbe wird vokalisch prononciert und macht deshalb einen energischen Sprung, den die beiden ersten unmöglich machen können. Die beiden ersten Silben schreiten meist in der Prim, die dritte Silbe schnellt mindestens hinauf zur Quart. Es ist also grundsätzlich wohl möglich, aus Konsonant und konsonantischen Vokalen bestimmte Klangbahnen und aus den Vokalen bestimmte Tonhöhen zu fixieren. Der Akzent geht damit den gleichen Weg; er verschiebt sich dorthin, wo die Prononcierung stattfindet und bestimmt zugleich den Rhythmus. Es bleibt natürlich fraglich, ob man eine starre Fixation vornehmen kann, ob man sagen kann, dieser Buchstabe oder diese Silbe vertrete die und die Tonhöhe. Vergessen wir nicht, daß auch das Alphabet ein durchaus relatives Lautsystem darstellt und daß die Urlaute wahrscheinlich von geringerer Begrenztheit sind als es selber.