Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 9
- Article
- Die Wiederherstellbarkeit der althebräischen Vokalmusik
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 539 (sequence 12)
- Language
- German
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Die Wiederherstellbarkeit der althebräischen Vokalmusik 539 und Tonalität; Aufhebung des Kakophonie-Begriffes und der „harmoniefremden Akkorde". Die Zusammenhänge mit der Sprache werden uns noch klarer, wenn wir von der charakteristischen Obertontheorie Schönbergs ausgehen. Das Problem der Harmonie — wie wir es heute noch sehen müssen — entstand nur bei Völkern mit vokalreichen Sprachen. Z. B. bei den Indern und Griechen. Eine vorwiegend konsonantische Sprache ist „dissonierend", wobei uns der Sprachgebrauch: Konsonant-Konsonanz nicht etwa beirren darf. Im Sinne Schönbergs heißt das: das Problem der Obertöne ist für sie ungleich wesenloser als das Problem der Grundtöne. Aus der Obertontheorie entstand die Harmonie. Es gibt aber Obertöne, die näher liegen und entferntere; je nachdem entsteht für die Harmonie Konsonanz oder Dissonanz. Schönberg hebt diesen Gegensatz auf. Damit zerstört er die Vorherrschaft der Tonalität (Vokalität). Die Sprache hat durchaus ein Harmonieproblem: den Gleichklang. Während die Alliteration den Gleichklang der Konsonanten ermöglicht, sind Assonanz und Reim auf Vokal oder Diphtong angewiesen. Hier haben wir den Zusammenhang: Assonanz und Reim sind für die Sprache typische Obertontheorie im alten Sinne. Die Alliteration hingegen ist als solche „dissonierend", sie hat nur Klangfarbe, nicht Tonalität. Sehen wir zu, ob und wie sich dies alles mit dem althebräischen Sprechgesang in Einklang bringen läßt. VI. Der Weg zu der Urgestalt des Sprechgesangs führt zunächst durchTdie verschiedenen Darstellungen, die wir vom s?nagogalen Gesang haben. Geht man die etwa bis jetzt wertvollsten Sammlungen und Bearbeitungen durch, so merkt man, daß der Hauptzweck die Harmonisierung war, daß man also schon mit divinatorischer Kraft die Bearbeitungen durchdringen muß, wenn man zu der Urgestalt kommen will. „Der Münchener Tempelgesang" von E 11 ist eine Sammlung harmonisierter Chöre. Desgleichen „Der. Braunschweiger Gesang" von Goldberg, „Der israelitische Gemeindegesang" von Jacobsohn, „S'miroth Israel" von Naumburg und erst recht Lewandowskis „Psalter" oder „Todah Us'mirali", Sammlungen, die heute beinahe in allen westlichen Synagogen benutzt werden. Der Charakter des Sprechgesangs ist hier meist vollkommen verdeckt, wenn nicht ganz verschwunden. Selbst wenn man die Rezitative in Lewandowskis anderer Hauptsammlung: „Kol Rinnah Ut'fillah" betrachtet, hat man keinen eigentlich überzeugenden Eindruck. Meist ist in der Melodie ein spielerisch-melismatischer Charakter hinzugekommen, sind besonders die Chöre streng harmonisch aufgebaut, haben sie eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Kirchengesang erhalten, der ihnen ursprünglich ganz offenbar nicht eignet. Vielfach treffen wir auch den unvermittelten Übergang vom Rezitativ zum künstlichen Melos — kurz, es ist ein Gemisch von ver-