Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 9
- Article
- Die Wiederherstellbarkeit der althebräischen Vokalmusik
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 538 (sequence 11)
- Language
- German
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538 Heinrich Berl: drängt ihn vielmehr zur Entladung seiner Besessenheit, seines Rausches. Dies spricht für den urtümlich dionysischen Charakter des Judentums, den ihm seine eigenen mythenfeindlichen Söhne ebenso wie böswillige Antisemiten gegen einen rationalistischen vertauschen wollten. Das Judentum als das vollkommen unapollinische Volk ist notwendig das vollkommen dionysische. Der dionysische Mensch ist aber gerade der irrationalistischste, nicht Maß setzende Mensch, der alles Starre auflöst und zur Entladung treibt. In dieser Emotionalität liegt die Wurzel jenes Sprunghaften des jüdischen Charakters, jenes Anapästischen der jüdischen Srache, jener Ungemessenheit der jüdischen Musik. Eine andere, sowohl für die Klangfarbe als auch für die sonderbaren Intervalle wesentliche Tatsache kommt uns noch zu Hilfe: das Phänomen Arnold Schönberg. So entfernt die althebräische Tempelmusik von 'der Musik Schönbergs zu sein scheint: sie haben beide eine so ungeheuere Identität, daß ich hier unmöglich die Zusammenhänge umgehen kann. Schönberg war wohl der erste, der nicht nur in Klangfarben komponierte, sondern auch theoretisch die Klangfarbe über die Tonalität stellte. Die Klangfarbe ist ihm die Urmutter aller Musik, die Tonalität nur ein untergeordnetes Glied innerhalb der „zweiten Dimension", wie er sagt: „Ich finde, der Ton macht sich bemerkbar durch die Klangfarbe, deren eine Dimension die Klang-(Ton-) Höhe ist. Die Klangfarbe ist also das große Gebiet, ein Bezirk davon die Klang-(Ton-)höhe." Haben wir hier nicht die parallele Erscheinung zur hebräischen Sprache, die den Vokal (Ton) nur als dienendes Glied im großen Mutterorganismus der Konsonanten (Klänge) auffaßt? Haben wir hier nicht ein Pendant zur hebräischen Musik, die in erster Linie aus ihrer Klanglichkeit begriffen werden muß und nicht aus ihrer Tonalität? Schönberg bezeichnet die Klang-, färbe richtig als „zweite Dimension" des Klangphänomens: die erste Dimension ist die Stärke (Schall), die zweite Dimension ist die Farbe (Klang), die dritte Dimension ist die Höhe (Ton). Der Ton ist Perspektive, dritte Dimension; der Klang ist zweidimensional, was seine Vierdimensionalität, seine Unendlichkeit ausdrückt, wie die moderne Flächenmalerei. Ein zweiter Zusammenhang erhellt aus folgender Betrachtung: Die Intervalle, die Arends konstruiert, sind, wenngleich vertikal steigend, nicht horizontal hingelagert, so doch deutlich identisch mit den von Schönberg „harmonisch", richtiger: akkordisch behandelten Intervallen, wie ja Schönbergs „Harmonielehre" eine Anti-Harmonielehre ist, ohne deshalb notwendig unakkordisch sein zu müssen. Verschiedene wesentliche Tatsachen in Schönbergs Musik decken sich sowohl mit den Rekonstruktionen von Arends, als auch mit dem Charakter der althebräischen Musik. Ich weise hier nur auf einige Gesichtspunkte hin: die typischen Quinten-, Septimen- und Nonen-Intervalle; der sprunghaft-eruptive Charakter in Schönbergs Musik; die Rückweisung von Dur und Moll und der Ausgang von der chromatischen Tonleiter (Analogie in der Sprache: Ausgang von den Konsonanten); Rhythmus und Klangfarbe an Stelle von Harmonie