Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 9
- Article
- Die Wiederherstellbarkeit der althebräischen Vokalmusik
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 537 (sequence 10)
- Language
- German
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Die Wiederherstellbarkeit der althebräischen Vokalmusik 537 erweitert zunächst die reine Akzent-Hypothese, wie sie etwa in Leopold Haupts: „Sechs alttestamentliche Psalmen mit ihren aus den Akzenten entzifferten Singweisen"1) zum Ausdruck kommt. Er bezieht die Konsonanten, Vokal- und Lesezeichen mit ein und hat damit zunächst natürlich einen viel breiteren Boden. Zudem ist es ganz klar, daß auch der Buchstabe eine spezifische Klangbedeutung repräsentiert, nicht bloß der Akzent. Der Akzent ist ein vollkommen rhythmisches Mittel, während der Buchstabe, je nach seiner Beschaffenheit, ein unterscheidbares Klangphänomen darstellt. Der Konsonant repräsentiert die Grundlage des Sprechgesangs. Der Sprechgesang hat lediglich Klangfarbe, nicht Tonalität. Die Tonalität entsteht erst mit dem Vokal. Da die hebräische Sprache aus Konsonanten besteht, Vokalität niemals Selbstzweck ist, ist ihr auch die Tonalität nicht primär; viemehr entsteht sie immer nur dort, wo die Vokalisierung stattfindet. Der Konsonant hat in der hebräischen Sprache vollständig die Funktion der Klangfärbung. Ein Dentallaut hat eine andere Färbung als ein Labiallaut, ein Palatal eine andere als ein Spirant usw. Der Vokal hingegen hat nicht die Funktion der Klangfarbe in der Sprache, sondern die der Tonhöhe. Das u hat eine andere Tonhöhe als das o, das i eine andere als das e usw. Es ist also prinzipiell keine Frage, daß die Buchstaben für unsere Untersuchung ebensosehr in Betracht kommen, wie die Zeichen und Akzente. Der Konsonant bestimmt die Melodie, der Vokal die Harmonie, der Akzent den Rhythmus. Die Hypothese von Arends ist also unter diesen Gesichtspunkten durchaus nicht von der Hand zu weisen. Nun kommt aber noch etwas anderes hinzu: die Weisen, die er uns in den Musikbeilagen seines Buches zeigt, haben — im allgemeinen — etwas durchaus Glaubwürdiges für sich. Die von ihm aufgestellten weiten Tonsprünge, die Sprünge zur Oktave, die vorwiegenden Quintenschritte, das Ausruhen auf der Septime, die Nonensätze — sie und noch vieles andere sind so sehr Merkmale des jüdischen Charakters, daß man gar nicht an seiner im Grunde richtigen Divination zweifeln kann, die nur durch die Starrheit einer prinzipiellen Fixation in ihrer Geltung eingeschränkt wird. Dabei unterstützt uns eine doppelte Tatsache: Tempelweisen, deren Authentizität bis auf die — genau unterscheidbare — spätere Wandlung und etwaige Bearbeitung nicht bestritten werden kann, tragen ähnliche Merkmale im Tonschritt und vor allen Dingen in der Sprunghaftigkeit. So gibt es Melodien, bei denen das Wort A-dau-noi regelmäßig den Sprung einer Oktave ausmacht. Andererseits ist aber das Sprunghafte im jüdischen Charakter psychologisch so klar ersichtlich, daß ein Rückschluß auf die Musik — die ja immer primärster Ausdruck des Charakters ist —■ wohl als erlaubt erscheint. Es ist dabei ganz falsch zu meinen, eine Tempelmusik müsse notwendig „gemessen" sein, wie schon Clemens irrtümlich schloß. Der mit Gott verbundene ekstatische Mensch achtet nicht auf das Gleichmaß, sondern es l) Leipzig 1854.