Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 9
- Article
- Die Wiederherstellbarkeit der althebräischen Vokalmusik
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 536 (sequence 9)
- Language
- German
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536 Heinrich Berl: dem Raum. Sie bedarf des Verbums, des Zeit-Raum-Wortes. Die Zeit als Tempo, als Ausdruck, als Ekstase bedarf der Überfülle von Substantiven, wie sie in der Bibel rauscht. Die hebräische Sprache hat aber auch einen spezifischen Takt, der jedoch nicht aus der rein quantitierenden Abmessung erfolgt, sondern vor allen Dingen aus der akzentuierenden — insofern ist er gespeist aus dem Tempo der Seele. Der Wortakzent ist exspiratorisch, und außerdem gibt es noch einen Satzakzent, der die Betonung der einzelnen Wörter im Satze besonders nüanciert. Der Imperativ hat im Hebräischen ein Allegro, die erzählenden Formen und die Nomina haben ein Lento — ein deutliches Zeichen, daß der Takt aus dem Tempo erfolgt und nicht umgekehrt. Den eigentlich spezifischen Takt des hebräischen Verses und im weiteren Sinne der hebräischen Sprache hat man schon lange als anapästisch erkannt. Clemens schloß, wie schon erwähnt, auf einen spondäischen Takt, doch ist diese Annahme bei ihm nicht aus der Kenntnis der hebräischen Sprachgesetze erfolgt, sondern aus der konstruktiven Vermutung eines feierlichen Schrittes. Sprachuntersuchungen haben das Gefühl bestätigt: daß der Taktschritt des Juden eher leidenschaftlich und energisch war und daß vor allen Dingen die Sprache selbst durch die geringe Vokalität unmöglich zwei Längen hintereinander haben kann. Ich glaube allerdings, daß man den anapästischen Charakter der hebräischen Sprache in erster Linie aus dem Übergewicht der Konsonanten feststellen muß. Der Akzent verschob sich im Hebräischen und .Aramäischen fast immer auf die letzte Silbe. Dort war der Vokal. Die vorhergehenden Silben waren nur schwach vokalisierte Präfixe, die keinen Silbenwert hatten. Der Vokal am Ende ist gleichsam die Helle, die immer wieder vorher aus dem Dunkel hervorgerufen werden muß. Dazu kommt das nicht selten erscheinende tribakehysche Versmaß, so daß der Stoß ins Helle oft noch gepreßter und leidenschaftlicher zum Ausdruck kommt. Dabei ist aber zu beachten, daß auch diese Fixation des anapästischen Charakters als willkürlich erscheint, wenn man etwa darunter ein gesetzmäßig durchgeführtes Versmaß verstehen wollte. Die hebräische Sprache ist nicht anapästisch, weil sie etwa in dieses Versmaß gepreßt wurde, wie die deutsche Sprache von Platen, sondern ihr eigentlichster und tiefster Grund ist die konsonantische Sprache, die alle Vokalität nur als Mittel benutzt, die gleichsam wie ein Mutterschoß nur selten das Kind dem Licht des Tages übergibt. Damit sind die Vorfragen beantwortet, und wir können nun zu der Frage der Wiederherstellbarkeit der hebräischen Musik übergehen. V. Unter den vielen Rekonstruktionsversuchen erscheint uns immer noch Leop. A. F, Arends': „Über den Sprechgesang der Vorzeit und die Herstellbarkeit der althebräischen Vokalmusik"1) als der wichtigste. Arends l) Berlin 1867.