Mannheim
Compact Memory

Der Jude · 1923-01-01 · Heft 9 · p. 535

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
7 (1923)
Issue
Heft 9
Article
Die Wiederherstellbarkeit der althebräischen Vokalmusik
Date
1923-01-01
Page
535 (sequence 8)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
90% known words query
IRI
…/3101111-3101189-3101198-3108483--6394-3108538
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Die Wiederherstellbarkeit der althebräischen Vokalmusik 535 ai kontrahiert waren. Die hebräische Sprache wie die hebräische Schrift kennen also starr fixierte Vokale ebensowenig, wie das Ursemitische. Bei beiden ist der Vokal durchaus im Abhängigkeitsverhältnis zu den umgebenden Konsonanten und entbehrt daher der festumrissenen Plastizität. ' Zwei wichtige Momente für unsere Zusammenhänge sind die Unberührbarkeit zweier Vokale und die Assimilation von Vokalen an Konsonanten, besonders im Hebräischen. Zwei Vokale sind stets kontrahiert, wenn der erste Vokal schon zum Murmel vokal reduziert wurde. Der Gleitlaut ä, der sich beim Übergang von den langen Vokalen ü, I, e~, ö, zu den mit stark konträrer Artikulation gesprochenen Laryngalen bildet, hat niemals Silben¬ oder Vokalwert, sondern höchstens den eines Diphtongs. Beides beweist ebenfalls deutlich die vollkommene Abhängigkeit des Vokals von der konsonantischen Umgebung und damit die vollkommene Irrationalität aller Vokalisation. Aber auch in der Sprache selbst tritt uns dieser starke Gegensatz in seiner Übertonung entgegen. Die hebräische Sprache ist reich an Substantiven und sehr arm an Verben. Man hat das Substantivum das Raumwort genannt im Gegensatz zum Verbum als Zeitwort. Aber hier liegt eine tiefe Verwechslung des Sinnes vor. Alles Substanzielle hat reinen Zeitwert als wesenhaftes Sein im Gegensatz zu dem nur für räumliche Vergangenheit oder Gegenwart geltenden Verbum. Kein Volk der Welt hat einen so starken Zeitsinn für Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft wie das jüdische; aber das sind für es keine zeitlichen Relativitäten, sondern zeitliche Absoluta. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft verdichten sich zu Schöpfung, Offenbarung und Erlösung, ganz andere Dimensionen steigen vor uns auf, Zeit wird Ewigkeit, nicht Raum. Das Substantivum ist nicht Raumwort, sondern Ewigkeitswort. Das begründet seine zeitliche Dimension. Der magische Mensch, der in Substanzen denkt, denkt darum nicht in Räumlichkeiten: Spinoza ist der Typus des ganz auf Ewigkeit gerichteten Denkers. Das Verbum hingegen schafft Breite, schafft Epik, schafft Plastizität, schafft räumliches Denken und Leben. Alle Zivilisation bedarf vorzüglich des Verbums. Alle Kultur vermag mit dem Substantivum auszukommen. Die antiken Juden hatten keine Zivilisation — folglich hatten sie keine verbale Sprache. Sie hatten eine Kultur, eine religiöse, eine musikalische Kultur — folglich hatten sie eine substantivische Sprache. Konsonant und Vokal begegnen uns hier wieder als Substantivum und Verbum. Mit dieser einseitigen Entwicklung des Substantivums hat das Judentum seiner Sprache den Rhythmus des Kolossalen gegeben. Substantive schäumen übereinander wie Katarakte: sie sind nur zeitlich, dynamisch, wenngleich sie als Bilder dem Räume entnommen sein mögen. Der Begriff d e r Z e i t ist eben durchaus nicht nur als das Nacheinander aufzufassen, sondern vor allen Dingen als Ausdruck, als Tempo, als Emotion, als Seele. Die Zeit als Nacheinander untersteht dem Maß, dem Takt,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.