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Der Jude · 1923-01-01 · Heft 9 · p. 534

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
7 (1923)
Issue
Heft 9
Article
Die Wiederherstellbarkeit der althebräischen Vokalmusik
Date
1923-01-01
Page
534 (sequence 7)
Language
German
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534 Heinrich Berl: Sprache ist innige musikalische Glut, ein Feuer, das an sich selbst verbrennen möchte. Mit dem Frühneuhochdeutschen nimmt die Musikalität zusehends ab. Luthers Bibelübersetzung macht noch einmal den gigantischen Versuch, blassen Silben den dämonischen Drang zum Ewigen zu geben — es ist nicht mißlungen, denn das Werk war selbst Musik. Goethe, Heine und Nietzsche sind nur drei Stationen. Pragmatik hat den Klang der Sprache in den Staub der Zivilisation gezogen. Das Ende der Musik in Europas Sprachen war auch Europas Ende. IV. . Die ursemitische Lautlehre besaß siebenundzwanzig konsonantische Geräusch- und Sonorlaute und nur die beiden vollkommen konsonantischen Vokale u und L Sie besaß also keine Vokale. Erst später entwickelten sich aus diesen konsonantischen Vokalen die drei offenen Kürzen a, i, u und die Längen ä, 1, ü. Wichtig ist dabei, daß diese Vokale selbst immer von den sie umgebenden Konsonanten bestimmt blieben, daß sie nie eine eigentlich plastische, isolierte Existenz hatten. In der Lautverbindungslehre tritt dann durch den exspiratorischen Wortakzent entweder eine vielfache Elimination der Vokale ein, oder sie werden zu vollkommenen Murmelvokalen reduziert. Diese Tatsachen sind von großer Tragweite. Daß sich alle Lautlehre von konsonantischen Geräuschlauten, von Lippenlauten, Zahnlauten, Gaumenlauten, Kehllauten usw. zu Vokalen entwickelt, ist allgemein bekannt und an sich keine besondere Erscheinung. Entscheidend ist dabei die Unmöglichkeit der vokalen Emanzipation, schon in der ursemitischen Sprache, und die vielfache Elimination oder Reduktion zu sekundären Murmel vokalen, speziell im Hebräischen und Aramäischen. Die Entwicklung der Schrift geht damit Hand in Hand. Das gemeinsame Alphabet der Westsemiten bestand aus zweiundzwanzig Buchstaben, die nur aus Konsonanten zusammengesetzt waren, einschließlich der schon erwähnten konsonantischen Vokale u und i. Die Schrift empfand es nicht als erforderlich, Vokale darzustellen, weil ihr der Sinn dafür aus immanenten Gesetzen abging. Die Erfindung der Vokalzeichen zeigt wohl die Notwendigkeit der Vokalisation (wie alles Schöpferische zur Phänomenalität drängt, ohne daß die Phänomenalität selbst das Schöpferische wäre); aber daß es Zeichen sind und keine Buchstaben, beweist die Empfindung des Zusammenhanges. Der Vokal kann im Semitischen keine isolierte, fest umrissene Funktionhaben; die Nuance seines Klanges wird durch den Konsonant bestimmt. Für die hebräische Sprache im engeren Sinne hat das Vorstehende nur verstärkte Geltung, wie wir ja allgemein wissen. Die Zeichen für die konsonantischen Vokale u und i wurden später auch für die langen Vokale ü—o, 1—¥ verwendet, während es ursprünglich wahrscheinlich überhaupt nicht üblich war, Vokale anzudeuten. Die konsonantische Funktion gaben die beiden Halbvokale erst auf, nachdem die fallenden Diphtonge au und

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