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Der Jude · 1923-01-01 · Heft 9 · p. 533

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Journal
Der Jude
Volume
7 (1923)
Issue
Heft 9
Article
Die Wiederherstellbarkeit der althebräischen Vokalmusik
Date
1923-01-01
Page
533 (sequence 6)
Language
German
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Die Wiederherstellbarkeit der althebräischen Vokalmusik 533 bleibend, meßbar, von den Klängen unterscheidbar. Klangfarbe und T o n a 1 i t ä t stehen sich in Melodik und Harmonik gegenüber. In der Sprache ist das gleiche Verhältnis bei Konsonant und Vokal. Der Konsonant ist Mitlaut, hat keine deutlich scheidbare Grenzeny der Vokal ist spnantisch, steht als isoliertes Gebilde da und wirkt plastisch. Das sind die Elemente der Phänomenalität. Beider Urphänomen ist der Rhythmus. Der Rhythmus der Musik besteht aus Tempo und Takt, der Rhythmus der Sprache aus Akzent und Quantität. Tempo und Akzent geben dem Klang oder der Silbe Ausdruck, Schwäche oder Stärke, Seele; Takt und Quantität geben ihnen Maß, Länge oder Kürze, Geist. Tempo und Akzent sind Z e i t als Erlebnis, als Richtung; Takt und Quantität sind Zeit als Bewegung, als Nacheinander. In der Musik entsteht die T o n a r t, in der Sprache entsteht die V e r s - a r t. So mögen die griechischen Versarten mit den Tetrachorden übereinstimmen, Dur und Moll mit unseren späteren deutschen Strophen. D i a t o n i k und Chromatik sind in der Sprache S t am m s i 1 b e n und Konsonanzen. Ganzton und H a 1 b t o n (Viertel, Drittel, Sechstel) sind wieder Vokal und Konsonant. Es sind dies nur Andeutungen. Sie lassen sich aber beliebig weiter verfolgen und parallelisieren. Wer die Übereinstimmung von Musik und Sprache leugnet, hat keinen tieferen Sinn für alle Musikalität — noch weniger für alle Sprache. Alle Sprache — von der primitiven bis zu der Sprache der Hochkultur — ist ursprünglich ,, g e h o b e n", erst die beginnende Zivilisation drückt sie herab, nimmt ihr die Musikalität. Die hebräische Sprache hat keine zivilisatorischen Ausdrücke, wie wir nachher sehen werden — also hat sie Musikalität. Sie wird mit Versfüßen und Versen wenig Ähnlichkeit haben, so wie ihre Musikalität wenig Ähnlichkeit mit Tonsystemen hat — darum ist sie doch im höchsten Sinne dichterisch,. weil ihre rhythmischen Gesetze immanent sind, wie auch alle jüdische Musik im höchsten Sinne Musik ist, weil sie ihren eigenen, unfaßbaren Rhythmus hat. Mit dem tongeborenen Wort hat sich Nietzsche in seiner „Geburt der Tragödie", sowie der jüdische Dichter Alfred Mombert beschäftigt. Dessen Dichtungen sind reinste Klangvisionen: er hat in deutscher Sprache hebräisch gedichtet. Wer das nicht fühlt — der kann es nicht erjagen. Gewiß: auch Wagner sprach von der Einheit der beiden Künste. Aber sprach er nicht, der typische Europäer, vom wortgeborenen Ton? Sagte er nicht Wort- Ton-Drama, statt Ton-Wort-Drama? Nietzsche fühlte sich gerade darum enttäuscht, weil er Wagners Irrtum später begriff. Der Mythos des Aischylos war Offenbarung der Musik. Das ersehnte Nietzsche. Wagner war weder Dichter noch Musiker — Wagner war ein d6cadent. Sein aufgeputzter Mythos war verkleideter Materialismus, seine „unendliche Melodie" war Musik des Hirns. Sprache ist immer und unbedingt musikgeboren. Hier mehr, dort weniger, aber nirgends geschieht ihre Geburt ohne Musik. Eine althochdeutsche

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