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Der Jude · 1923-01-01 · Heft 9 · p. 532

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
7 (1923)
Issue
Heft 9
Article
Die Wiederherstellbarkeit der althebräischen Vokalmusik
Date
1923-01-01
Page
532 (sequence 5)
Language
German
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Heinrich Berl: Fragwürdig ist dabei natürlich der Begriff der Oktave. Oktave bedeutet acht Töne, aber schon mit der Her einbeziehung der Chromatik war der wörtliche Sinn dieses Wortes aufgehoben. Heute ist er dies um so mehr, da wir sowohl Ganztöne wie Vierteltöne (von den Drittel- und Sechsteltönen Busonis ganz abgesehen) in Erwägung zu ziehen haben. Der Begriff Oktave kann also, besonders für eine Untersuchung der jüdischen Musik, nur die Bedeutung einer Spannungsgrenze haben, niemals die einer achtstufigen Skala. Insofern löst sich die Frage nach der Oktave, die insbesondere bei der vorhin erwähnten Stufung der beiden Chöre sehr schwierig geworden war. Oktave ist nicht Tonleiter, sondern Tongrenze. Jede Musik, die wir bis jetzt kennen, und vermutlich jede, die in Zukunft möglich sein wird, kann sich wohl der Tonleiter, aber niemals der Tongrenze entzogen haben und entziehen. So sehr bei der jüdischen Musik die Annahme von bestimmten Tonskalen (seit Clemens von Alexandrien bis zu Joseph Singer) zurückzuweisen ist, so sehr ist doch der Begriff der Oktave als Tongrenze aufrecht zu erhalten, jedenfalls solange, bis man dafür vielleicht einmal einen anderen Begriff prägen wird. III. Nachdem wir also die Frage nach dem Tonsystem grundsätzlich dahin gelöst haben, daß irgendeine Bindung bestanden haben müsse, besonders auch im Hinblick auf die nicht wenig umfangreiche Instrumentalmusik, anderseits aber den Anspruch einer ganz bestimmten Tonskala zurückweisen mußten, begeben wir uns auf das viel schwierigere Gebiet der Rekonstruktionen von Melodien. Zunächst die Frage: Liegen Sprache und Musik soweit auseinander? Ursprünglich ganz gewiß nicht. In der Sprache sind vollkommen akustische und rhythmische Elemente am Werk, die bei der Musik die gleiche Rolle spielen. Tonsprache und Wortsprache sind ursprünglich so unmittelbar eins, daß ich im Nachstehenden versuchen werde, die parallele Entwicklung der beiden Sprachen im allgemeinen und nachher bei den semitischen und bei der hebräischen Sprache im besonderen zu zeigen. Es wird sich daraus erweisen, wieviel aus dem Sprachsystem unmittelbar für das Tonsystem, bezw. für die Musik als solche entnommen werden kann, ohne daß die Grenzen des Konstruktiven überschritten werden. Alle Musik beginnt mit dem Schall. Alle Sprache beginnt mit dem I»a u t. Schall und Laut stellen noch die ungeschiedenen Elemente der beiden Ausdrucksarten dar. Wie die Lautsprache zunächst aus Geräuschlauten, aus Lippenlauten, Zahnlauten, Gaumenlauten usw. hervorgeht, so ist der Schall in der Musik reiner Geräuschlaut, hervorgerufen durch die Stimme oder durch das Instrument. Der Schall teilt sich in der Musik in Klang und Ton. Der Laut wird in der Sprache zu Konsonant und Vokal. Der Klang ist nicht meßbar und hat keine Plastizität, der Ton hingegen ist auf der Höhe gleich-

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