Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 9
- Article
- Die Wiederherstellbarkeit der althebräischen Vokalmusik
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 531 (sequence 4)
- Language
- German
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Die Wiederherstellbarkeit der althebräischen Vokalmusik 531 Psalterion (Nebel), das noch in Frage kommen kann. Verglich doch der hl. Hieronymus die viereckige Form dieses Instruments mit den vier Evangelien und seine zehn Saiten mit den zehn Geboten. Möglich ist die Form der Magadis, die wahrscheinlich aus acht Saiten bestand, oder irgend eine Form der Cithara oder der Laute. Immerhin liegt der Schluß auf das Instrument näher als der Schluß auf die Oktave. Die Annahme der Oktave wurde auch bekräftigt durch die Abstufung der Alamoth mit den Scheminith, der Jungfrauenstimmen mit den eine Oktave tieferen Männerstimmen. Diese Anordnung scheint allerdings sehr viel Wahrscheinlichkeit für sich zu haben, denn dadurch war ja nur die Melodie in der anderen Oktave zu verdoppeln. Aber da erhebt sich überhaupt die Frage nach dem W.esen der Oktave. Die Oktave stellt eine apodiktische Grenze dar in der Wiederkehr der bestimmten Intervalle. Aber nicht als Oktave, sondern als reines Spannungsverhältnis, das sich innerhalb ihrer Grenzen beliebig vervielfachen oder vereinfachen läßt. Tatsache ist, daß alle bis jetzt entstandenen Tonskalen innerhalb einer Oktav-Spannung sich erschöpft haben und daß die nächste Oktav-Spannung schon eine Wiederholung in einer nächsthöheren Schicht darstellt. Es scheint also Tonsphären, Tonkreise zu geben, die sich unter- und übereinanderschichten; eine rein lineare Kontinuität von unten nach oben ist nicht möglich. Insofern sind unsere Dur- und Moll-Tonarten durch die Verwendung des Quinten- und Quartenzirkels entstanden. Die Oktave stellt also als Spannungsverhältnis die beiden nicht nur physikalisch-akustisch fixierten Grenzpole dar, sondern vor allem die meta- Physisch überhaupt möglichen. Innerhalb ihrer gibt es wieder Verhältnisse, die weit oder eng gespannt werden können: nur wenn sie über die Grenzen der Oktave hinausgehen, vollzieht sich die Rekapitulation. Die chinesische Pentatonik erstreckt sich über die Oktave mit Ausschluß der Halbtöne, die in unserer diatonischen Skala enthalten sind. Ihre Grundskala: f, g, a, c, d greift zwar über unsere C-dur-Skala hinaus, aber der Kreis ist ganz genau die Spannung einer Oktave. So ist es mit allen anderen Tonskalen. Die primitive Ganztonleiter hat sechs Ganztöne, dadurch, daß sie drei Halbtöne unserer chromatischen Skala hereinbezieht und die Halbtöne der diatonischen Skala ausschließt: ihre beiden Grenzpole stellt aber die Oktave dar. Entsprechend ist es mit den Kirchentonarten,genau sowie mit allerChromatik,Bichromatik undPolychromie. Busoni hat inner halb der Oktave 113 Töne ausgerechnet, aber eben innerhalb der Oktave. t Das Problem liegt also für diese Zusammenhänge von selbst so: eine jüdische Musik kann sich — offenbar aus tiefen metaphysischen Gründen — dem Spannungsverhältnis der Oktave nie entzogen haben. Die Oktave stellt die höchstmögliche Grenze aller Tonkreise dar, frei ist nur jeweils das in ihr mögliche Verhältnis der Intervalle. Alles was den Grenzfall der Oktave übersteigt, ist Wiederholung. Die jüdische Musik wird innerhalb der Oktave keine feste Tonart gehabt haben, aber die Oktavenstufung selbst konnte auch sie nicht umgehen.