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Der Jude · 1923-01-01 · Heft 9 · p. 530

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
7 (1923)
Issue
Heft 9
Article
Die Wiederherstellbarkeit der althebräischen Vokalmusik
Date
1923-01-01
Page
530 (sequence 3)
Language
German
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530 Heinrich Berl: um ganz und gar ohne Bindung an ein gewisses „Tonsystem" auszukommen. Wichtig ist dabei die vollkommen lineare Behandlung der Stimmen und Instrumente. Sie zeigt, daß der antike Jude schon einen viel stärkeren Sinn für Rhythmik und Melodik hatte als für rein gesetzmäßige Harmonie. Die Frage der Instrumentalmusik wird wohl erst gelöst werden, wenn die* Lösung der instrumentalen Symbolik gelungen ist, d. h. wenn die Zusammenhänge aller Instrumentalmusik mit der Vokalmusik entdeckt sind. Vorläufig empfinden wir das musikalische Instrument als von der menschlichen Stimme noch isoliert und deshalb müssen auch diese Untersuchungen auf die Rekonstruktionen der Vokalmusik beschränkt bleiben. II. Die Vermutungen über jüdische Tonsysteme liegen weit zurück und reichen bis in unsere Gegenwart. Clemens von Alexandrien bezeichnet die hebräischen Gesänge als zur dorischen Tonart gehörig; insofern wären die Grundlagen der Kirchentonarten (die mit dem dorischen Teträchord: d, e, f, g beginnen) in ihnen bereits vorhanden. Daß Clemens hier ganz im Banne der kirchlichen Anschauung steht, braucht wohl kaum besonders hervorgehoben zu werden. Das dorische Tetrachord ist eines der vier Tetrachorde, die später zu den vier authentischen und vier plagalen Oktavgattungen der Kirchentonarten geführt haben.' Es liegt kein Grund vor, anzunehmen, daß die hebräischen Gesänge schon in der dorischen Tonart komponiert seien. Clemens bringt diese Vermutung mit dem angeblich spondäischen Charakter der jüdischen Poesie in Zusammenhang, womit er den feierlichen Schritt meint, und tatsächlich ist die dorische Tonart mit ihrem starken, männlichen, entschlossenen, ganz auf Maß gerichteten Charakter spondäisch, während die später hinzugekommene ionische Tonart c—c, die im Verein mit der noch weicheren äolischen a—a zu unserem C-Dur- und A-moll-System geführt hat, viel unmännlicher und unbestimmter ist. Aber da der Charakter der hebräischen Poesie nicht spondäisch, sondern ganz und gar anapästisch ist — wie wir später sehen werden — so liegt erst recht kein Grund dafür vor, mit Clemens die dorische Tonart gelten zu lassen. Weiterhin bemerkenswert ist die Vermutung Gerberts, wonach aus der Bemerkung „super octavam" zum 6. (und 12.) Psalm auf den Besitz der diatonischen Skala geschlossen werden könne. Der Erklärer AbenEsra hatte auf eine Melodie von acht Tönen geschlossen, während Rabbi Salomon Jarchi vermutete, daß sich die Bemerkung auf die Begleitung eines Octochords, eines achtsaitigen Instrumentes beziehe. Wer hat hier recht? Vermutlich Rabbi Salomon Jarchi. Die Bemerkung „super octavam" stammt aus der Vulgata, während schon Luther aus der Septuaginta übersetzte: „vorzusingen auf acht Saiten". Der Schluß auf die diatonische Skala ist ebenso unsinnig wie der auf eine Melodie von acht Tönen. Ob die Juden ein achtsaitiges Instrument besaßen, ist heute nicht mehr mit Sicherheit festzustellen. Die Harfe (Kirinor), mit der die Psalmen begleitet worden sein sollen, hatte nach zuverlässigen Abbildungen zehn Saiten, ebenso das

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