Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 9
- Article
- Die Wiederherstellbarkeit der althebräischen Vokalmusik
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 529 (sequence 2)
- Language
- German
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Die Wiederherstellbarkeit der althebräischen Vokalmusik 5*9 sich daraus also auch die Ganztonleiter herstellen, die Schönberg in seiner „Harmonielehre" behandelt (c, d, e, fis, gis, ais, c). Die halben Töne werden durch Punkte über den Zeilen ausgedrückt. Den Takt geben gewisse vertikale Striche an. Es gibt nur zwei Taktarten: den 2/4- und den »/i-Takt. Wir brauchen uns hier nicht weiter dabei aufzuhalten, daß, nach der Meinung der Wissenschaft, das „Hohe Lied" erst entstanden ist, als Salomo schon lange tot war, und daß die heute gebräuchlichen Vokalzeichen erstmalig in den Jahren 700 n. Chr. von den Massoreten in Tiberias angewandt wurden, daß also beide Voraussetzungen Ginsburgs höchst fragwürdig sind, ganz abgesehen von der Unwahrscheinlichkeit des hohen Alters der Kownoer Bibelhandschrift. Der Glaube daran stammt aus der gewiß noch unverbildeten mythischen Kraft des ostjüdischen Volkes, und wir haben kein Recht, mit unserem Verstand den Glauben an die legendäre Herkunft zu zerfasern. Wohl ein Recht aber haben wir zu der, durch den Fund wieder akut gewordenen, Untersuchung über Möglichkeit oder Unmöglichkeit solcher Rekonstruktionen von Melodien und Tonsystemen. Etwas muß offenbar daran sein, sonst könnten nicht dauernd Rekonstruktionen versucht und Tonskalen aufgestellt werden. Ein Volk, das eine ausgesprochen musikalische Kultur in der Antike hervorgebracht hat, kann nicht einfach ohne jede Notation ausgekommen sein. Innerhalb der vokalen Musik mag es unter Umständen möglich gewesen sein, da wir aus der Bibel wissen, daß es ganze Sängerfamilien gab, die ihren Stand vererbten. Die Instrumentalmusik aber bleibt in ein völlig unaufhellbares Dunkel gehüllt. Selbst wenn und gerade wenn man annimmt, daß sie lediglich Begleitmusik und keine führende künstlerische Macht war, muß man sich fragen, wie sie ohne Tonsystem auskommen konnte. Denn dann wären die Instrumente ja auf ein gegenseitiges harmonisches Verhältnis angewiesen gewesen, was ohne Tonsystem und eine darauf gegründete Notation einfach unmöglich ist. Näher liegt die Annahme einer ganz primitiven Polyphonie und demgemäß einer linearen Behandlung des Instrumentes, allerdings in einem Mischverhältnis mit der Vokalmusik, wie es uns speziell die Tempelmusik unter David und Salomo zeigt. Eine glänzende Schilderung des vokalen und instrumentalen Mischverhältnisses und der linearen, nicht harmonischen Behandlung des Instrumentes gibt uns die biblische „Chronik*1 bei ihrer Darstellung der Abholung der Bundeslade. Chananja war der Vorsänger, der die Melodie intonierte; die Harfner nahmen die Melodie auf und spielten sie nach, die Psalterspieler fielen ein und wiederholten sie noch einmal, die Trompeter hatten den besonderen Auftrag, während der Pausen des Levitengesanges einzufallen, während Heman, Asaph und Hethan jeweils in rhythmischen Abständen mit dem Zymbal den Takt zu geben und durchzuhalten hatten; Chöre folgten und sangen die Melodie. David aber ging der Bundeslade ekstatisch tanzend voraus, Lieder und Harfenklänge improvisierend. Der Aufbau ist durchaus kunstvoll zu nennen, beweist jedoch gerade in seiner künstlerischen Struktur, daß diese Musik nicht so einfach war, Heft 9. 34