Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 9
- Article
- Zwei Eiferer
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 527 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Zwei Eiferer 527 und schaffte. Denn er gehörte nicht zu denen, die etwas aus sich machen. Als reiner, vornehmer Mensch liebte er es nicht, als etwas Besonderes zu erscheinen. Vielmehr sprach er mit jedermann immer nur, soweit es nötig war, um den anderen zu verstehen. Doch haben unsere wenigen Begegnungen einen unvergeßlichen Eindruck in mir zurückgelassen. Ich erinnere mich noch des Tages, als er mich zum ersten Mal in Tel Awiw besuchte. Das war vor ungefähr 10 Jahren, und er war bereits geschwächt, vom Fieber ausgezehrt und müde von seinem langen schweren Leben. Er ging gebeugt wie unter einem Joche. Aus seinen Augen, seinen blauen verständnisinnigen Augen leuchtete die Kümmernis des geistigen Menschen, und alle Züge seines feinen, vornehmen Gesichtes zeugten von schwerer und anstrengender geistiger Arbeit, obwohl er damals schon viele Jahre in Garten und Feld tätig war. Man konnte erkennen, daß bei ihm die Tage für die Arbeit und die Nächte fürs Denken bestimmt waren. Fragen der Nation und des Schicksals Einzelner beschäftigten sein Gehirn unausgesetzt. Wer einmal den Weg zur Erlösung gezeigt hat, dem läßt das Denken niemals mehr Ruhe. Die Sorge für die Bewahrung des Gedankens ist'die größte aller Sorgen. Gordon diskutierte gern, wenn er auch nicht gerade ein glänzender Debatter war. Leute, die negieren, verstehen das ja in der Regel besser; wer aber einmal das fatale „Ja" gesagt hat, ist an diesen Felsen festgeschmiedet. Sein Denken wird dann nur zum Werkzeug. Jedes Bejahen ist eine Fessel. Ich erinnere mich der Sommertage, als er in unserem Hause in Tel Awiw bei einem Glase Tee saß. Von seiner äußeren Erscheinung damals sind mir, ich weiß nicht warum, im Augenblick gerade seine Stiefel in Erinnerung, die ganz weiß waren von Staub. Er "betrachtete die Möbel und den Arbeitstisch und sagte: „Du bist Schriftsteller und ich möchte dich nicht gern in deiner Arbeit stören; allerdings .. . wie kann man nur Schriftsteller sein?". „Wer nicht nur Schriftsteller ist", erwiderte ich im Scherz, „ist überhaupt kein Schriftsteller. Es genügt nicht einmal, nur Schriftsteller zu sein, so schwer ist das Amt". „Das Amt ist schwer", sagte er darauf mit Ernst, „bloß weil ihr nur Schriftsteller seid. Es ist keineswegs nötig, daß die Arbeit des Schriftstellers sein Beruf ist; sie kann hur ein Ergebnis sein, das Ergebnis eines konkreten Lebensberufs ....". Die Schriftstellerei war überhaupt ein Punkt, über den er sich viel Gedanken machte. Der schriftstellernde Arbeiter war eine Lieblingsvorstellung von ihm, über die er oft sprach und der er einige seiner besten Aufsätze im „Maabaroth" widmete. Die Verbindung von Arbeit und geistigem Schaffen war ein Gedanke, den auch ich lange Jahre mit mir herumtrug; aber Gordon meinte ihn anders. Ihm genügte nicht, was ich vorgeschlagen hatte: nämlich einige Stunden täglich der Handarbeit zu widmen, und dann zur eigentlichen schriftstellerischen Tätigkeit zurückzukehren. Eine Arbeit, die nicht den Körper zermürbt, war für ihn überhaupt keine richtige, keine zum fahren Leben führende Arbeit. Für ihn war die Arbeit des Schriftstellers nur das, aberäuch alles das, was sie in der Tat sein sollte: Gelegenheitsarbeit.