Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 9
- Article
- Zwei Eiferer
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 526 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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52Ö Jakob Fichmann: Als ich in Daganiah war, zeigte man mir die auf Garten, Jordan und Genezarethsee hinausgehende Fensterecke, wo Gordon am Feierabend zu sitzen und sich mit seiner klaren, reinen Handschrift auf kleinen Zetteln Aufzeichnungen zu machen pflegte. Bis spät in die Nacht hinein schrieb er, und wenn die müden Arbeiter der Farm aus ihrem Schlaf erwachten und ihn bei Kerzenlicht über seine Manuskripte gebeugt sahen, mußten sie das Gefühl haben,daß hier einer für sie wache, wache über der Reinheit und Fortentwicklung ihres Lebensgedankens. Dieser alte Arbeiter, der nichts als die körperliche Arbeit predigte und seine geringen physischen Kräfte ganz in sie hineinsteckte, war bei alledem der Wächter des geistigen Heiligtums. Vielleicht war es nicht richtig von ihm, daß er immer in die Tiefe gehen und seine Gedanken philosophisch begründen wollte. In einer Lebenslehre sind derartigeBeweisführungen überflüssig, ja manchmal abschwächend. Der große Gedanke, der zur Tat führt, ist immer ein Gebot. Er ist einleuchtend in seiner Absolutheit, eben gerade dadurch, daß er nicht erläutern, sondern erlösen will. So waren die Gedanken der Propheten. Keine Erklärungen, keine Beweise, sondern Schlüsse — nicht eigentlich Gedanken selbst, sondern deren Frucht. Aber in Gordon wirkte noch in etwas der alte Forschergeist fort: im Denken selber sah er noch eine Kraft. Tolstoi verzichtete gerne auf alle „Geistigkeit" in seinen Gedanken; er erkannte, daß er sich damit von einer Last befreite, seinem eigentlichen Menschentum näher kam. Gordon konnte sich nicht immer zu dieser elementaren Einfachheit erheben. Der jüdische Kopf verlangte noch das Seine, auch wenn die Hände schon die Pflugschar führten. Übrigens wollte Gordon durchaus nicht auf den Reichtum des Geistes verzichten, er wünschte gar nicht, daß die Denkkraft unseres Volkes durch die moderne Erziehungsmethode „des leichten Lernens" geschwächt werde; die Aufgabe sei nur, unsere Krankheit des wurzellosen, sich selbst zersetzenden Denkens zu heilen. So freute er sich sehr, als ich ähnliche Gedanken in meinen Aufätzen im „Maabaroth" zum Ausdruck brachte. Trotz dieser langsamen und vielfach gehemmten Geistesarbeit aber veröffentlichte er eine Reihe von Aufsätzen (im „Hapoöl Hazai'r" und „Maabaroth") und hinterließ auch handschriftlich eine ganze Anzahl von Sachen, deren Sammlung auch als Zeugnisse eines beachtlichen Denkers zu begrüßen wäre. Es ist nur schade, daß gerade das für ihn so typische Büchlein „Briefe aus Erez Israel" nur jiddisch und in mehreren anderen Übersetzungen vorhanden ist. Das handschriftliche hebräische Original ist verloren gegangen. In diesem Buch fand er ganz seinen eigenen Stil. Die Intimität des Vortrags verbindet sich hier mit dem Ernst des Inhalts. Die Schrift, die schon sehr populär geworden ist, wird sicherlich noch lange Zeit unseren Chaluzim eine Quelle des Trostes und des Gedankens bleiben. 6. Ich sah Gordon nur gelegentlich, und nicht immer war der Eindruck ein klarer. Man mußte ihn in K'far Uriah und Daganiah sehen, wo er lebte