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Der Jude · 1923-01-01 · Heft 9 · p. 525

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
7 (1923)
Issue
Heft 9
Article
Zwei Eiferer
Date
1923-01-01
Page
525 (sequence 9)
Language
German
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Zwei Eiferer 525 wenigen Treuen,- und wenn er von Zeit zu Zeit Daganiah verließ, um an den Tagungen der Partei teilzunehmen, war all sein Bestreben darauf gerichtet, die Genossen zu stärken, sie vor jedem Kompromiß und jeder Verwischung des Gedankens zu bewahren. Auch hierin war er ein Schüler Achad Haams, daß er nur an die Wenigen glaubte, die dem Volke voranschreiten, den Gedanken in seiner Reinheit hochhaltend. Und wenn er auch nur von Taten und Verwirklichung etwas hielt, blieb er doch der jüdische Thalmid-Chacham, der weiß, daß man in schweren Zeiten nichts anderes zu tun hat, als den Gedanken unbefleckt zu erhalten und ihn für die kommenden Geschlechter zu bewahren. Wie Achad Haam, wenn auch etwas anders als dieser, wollte auch er eine Minderheit als Basis für die Zukunft, als Rückgrat der Nation schaffen, weil nur Einzelne die Verantwortung für das Volk tragen und es über die schwere Gegenwart hinausbringen könnten. Diese Einstellung stammte bei ihm aber nicht aus dem absoluten Mißtrauen gegen dieMasse, wie dies beim aristokratischen Achad Haam der Fall war. Umgekehrt: für Gordon war es klar, daß ein Volk nicht eine Gemeinschaft von Thalmide Chachamim sein könne, die sich an dem Glanz ihrer Thorahgelehrsamkeit sonnen. Aber er glaubte einfach noch nicht an sich selber und die wenigen, die um ihn waren. Darum beschränkte er mit Absicht seinen Wirkungskreis, um den Gedanken zu vertiefen und diejenigen, die ihm ergeben waren, zu festigen, auf daß sie ein leuchtendes Beispiel würden für die Massen des Volkes. 5. Gordon behandelte alles mit Gründlichkeit und Anstrengung all seiner Kräfte; nichts kam ihm von selber; Gedankenblitze sind bei ihm nicht zu finden. Auch darin liegt etwas von Verantwortungsgefühl, von Reinheit und Redlichkeit des Geistes, die sich nicht mit gelegentlichen Einfällen und zufälligen Ergebnissen zufrieden geben können. Inhalt und Form seines Denkens bildeten eine organische Einheit. Er war kein Meister des Gedankens, und wer seine Aufsätze liest, glaubt sich in einen dichten Urwald versetzt: noch ist der Weg nicht gebahnt, doch zwischen dem dunklen Laub der Bäume dringt schon der rötliche Schein der aufgehenden Sonne hindurch. So versteht es sich von selbst, daß Gordon nicht zu jenen Unbekümmerten gehörte, die des Gedankens Schmetterlinge fangen und sich an der bunten Schönheit ihrer Farben genüge sein lassen. Grau wie seine Erde war auch die ganze Art seines Denkens. Der einfache und strenge Vortrag von Achad Haam macht den Eindruck eines angenehmen Salongespräches gegenüber den langen und schwierigen Aufsätzen Gordons. Man bekam von ihm niemals einen Aphorismus zu hören, er liebte nur die Architektonik des Gedankens, wollte stets grundlegend und umfassend sein, und jedesmal hoffte er, daß es ihm nun endlich gelingen möge, den rechten Ausdruck für das zu finden, was sein Herz bewegte. Er war viel zu intelligent und viel zu literarisch begabt, um nicht selbst den Mangel an Durchsichtigkeit zu spüren, der seinem Vortrag anhaftete. Darum war er stets mißtrauisch gegen sich und ließ seine Aufsätze lange Zeit ungedruckt liegen.

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