Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 9
- Article
- Zwei Eiferer
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 524 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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524 Jakob Fichmann: zufällig, ohne Arbeit ist alles illusorisch. Wie beim Volk, so auch beim Einzelnen: ein wahres Dasein wird nur durch Arbeit erworben. Nur selten erlaubte er sich, über die Arbeit als von einem Quell persönlichen Glücks zu sprechen. Im Gegenteil: von Mal zu Mal betonte er die Schwere, den Schmerz. Aber jenseits des Schmerzes offenbarte sich ihm eine neue Welt, zu der nur die Arbeit das Tor öffnet, deren Geheimnisse nur der Arbeitende schauen kann. Wer sie nicht achtet, dem ist die Natur verschlossen. Nur dem Arbeitenden gibt die Natur ihre Geschenke direkt, ohne Vermittlung. Darum müssen auch wir ihr unsere Kraft direkt geben, ohne Vermittlung. Wie bei jeder großen Persönlichkeit umgab seine Gedanken stets eine höhere Realität, wie sie Schöpfern der Zukunft gegeben ist, und die gefestigt wird durch jene Wahrheit, die im Leben liegt und durch den Glauben im Menschenherzen über das Leben hinaus zu ewiger Höhe emporgehoben wird. 4. In den schmucken, sauberen Straßen von Tel-Awiw, in denen es sich so süß umherschlendern läßt, wirkte Gordon, wenn er gelegentlich von Galiläa herunter kam, mit seinem hageren, denkerischen Gesicht (das eine Mischung von Lamdan und Mönch zu verraten schien), seiner ländlichen Kleidung nicht wie ein Prophet, sondern wie ein fremder Schatten, als ein stiller Gegensatz, eine Kraft, die durch ihr bloßes Dasein vernichtend war. Ähnlich war es sicher, wenn Altisraels Propheten von der fernen Wüste nach Jerusalem kamen, und ihr brennendes Auge ein Todesurteil war für die städtische Kultur. Gordon war kein Feind der europäischen Kultur wie Tolstoi. Vielleicht verstand er die Gefahr, die von ihrer Zerstörung dem Jischuw drohte. Aber er wollte, daß nicht die Kultur als solche die Hauptsache sein solle. Nicht die Kraft, die sich in ihren Auswirkungen offenbart, sondern die Fähigkeit des Menschen, auf alle eitlen Güter zu verzichten, war nach ihm die einzige Vorbedingung für schöpferisches Leben. Wie es der wahren Fruchtbarkeit eignet, war Gordon ein zurückhaltender, stiller Mensch. Sein Abscheu vor dem Nichtstun war fühlbar, manchmal sogar etwas unangenehm fühlbar. Kein Zelotentum ist angenehm. Aber er brachte diese Abneigung niemals im Verkehr mit Menschen zum Ausdruck. Und das war auch gar nicht nötig. Er selbst war in seiner ganzen Erscheinung der leibhaftige Gegensatz zu jedem leichten, gedankenlosen Leben. Wer ihn sah, mußte sofort daran denken, daß die eigene Arbeit, welcher Art auch immer sie sein mochte, ungenügend war, daß man selber noch irgend eine große Pflicht erfüllen müsse, die man bisher vernachlässigt habe. Gordon liebte die große Öffentlichkeit nicht und kam nicht mit ihr in Berührung. Es verursachte ihm schon Bedenken, als seine eigene Partei groß zu werden schien. Er wußte, daß der Umfang einer Partei niemals ein Zeichen für die Wahrheit ihres Ideals sein könne, und er hatte eine geheime Angst davor, daß sein Gedanke Gemeingut der Menge werden könne. Er war davon überzeugt, daß seine strenge Lehre, die den ganzen Menschen forderte, nicht für die Vielen bestimmt war. Darum sorgte er so sehr um die