Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 9
- Article
- Zwei Eiferer
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 523 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Zwei Eiferer 523 schwer. Je mehr man den Schmerz fühlt, um so mehr Vertrauen ist da, daß eine neue Welt geboren wird. Er begrüßte den Schmerz — nur sollte mit ihm auch das Vertrauen wachsen: darauf, daß schon etwas werden wird. Ohne Leiden gab es bei ihm keine Schöpfung. Die Arbeit war ihm die Grundlage und der Quell von allem, die einzige Realität, sie allein mehr als bloße Schwärmerei. Von ihr stammt alles. Nur bei ihr gibt es wahre Freude, nur bei ihr wahren Schmerz. Und wirklicher, nicht illusorischer Schmerz ist ein Reichtum, der nicht zehrt, sondern schenkt. Diese schöpferischen Leiden sind uns lieb, denn sie offenbaren unser Dasein in seiner ganzen Fülle. Er blickte mit nüchternen Augen um sich und wußte gut, wie arm wir an ausharrender Geduld sind; ihn schreckte niemals die materielle Armut, nein, er freute sich fast über sie, wie über einen Feind, mit dem er ringen konnte. Ihn schreckte nur die geistige Kraftlosigkeit,die allgemeine Angst vor der Armut und die geringe Fähigkeit, sie zu bestehen. Darum richtete er all seine ganze Aufmerksamkeit auf die Chaluzim, versuchte auf sie einzuwirken, daß sie weniger Parteimenschen würden und sich selbst erzögen, um auszuhalten und wie eine feste Mauer gegenüber der allgemeinen Zaghaftigkeit zu bestehen. Er wußte, daß e i n Handelnder tausend Agitatoren aufwiegt. Darum war es ihm nicht bang ob der geringen Zahl. Er fürchtete nur das Verwischtwerden und Auseinandergehen des Gedankens, und darum strebte er sein ganzes Leben danach, ihm neue Kraft einzuflößen. Nur der Gedanke und seine wenigen treuen Träger, so glaubte er, werden uns durch die Wüste des Anfangs hindurchbringen. Die Kraft zum Aushalten als solche, auch ohne Beziehung auf ein Ziel, war ihm die erste, die einzige Grundbedingung für den Bau der Zukunft. Die Arbeit war ihm im Grunde ein ethischer Gedanke im Sinne Tolstois. Wer nicht reale Arbeit leistet, stützt sich auf andere, ist ein Parasit. Dieses Wort konnte man stets von ihm hören. In ihm sah er das Schreckensbild unseres Lebens, eines Lebens ohne Arbeit, ohne Schöpfung. Aber er erhob auch diesen Gedanken zu einer nationalen,~menschlichen Höhe. Die Arbeit ist das Bindemittel zur Festigung der Nation. Ohne körperliche Arbeit ist auch die geistige Schöpfung schadhaft. Es fehlt ihr das zwingende, dasbesonders vitale Element, das ihr den eigenen Stempel aufdrückt. Die Arbeit hat Charakter, sie ist der einzige Weg, der vor der Wurzellosigkeit rettet und dem Leben Form gibt. Im Fortgang seines Gedankens suchte er ihn auch metaphysisch zu begründen. Die Arbeit, d. h. die Erweckung der Energie, die m uns ist, tod ihre Verbindung mit der Summe der allgemeinen Energien, fuhrt uns aus dem engen Kreis unseres subjektiven Daseins heraus und ^knüpft uns mit dem Elementarischen, Kosmischen. Diesen Gedanken wiederholte * oft und rang immer wieder von neuem danach, ihn richtig auszudrucken. Jeder arbeitende Mensch ist für ihn ein Mikrokosmos, der so ™ ™ die ganze Welt. Die Arbeit läutert nicht nur von jedw ■ S»™ääJ™ ^reit von jeder inneren Knechtschaft und Not - sie ^entert auch ^ser wahres Wesen und bestimmt seine Gestalt. Ohne Arbeit ist alles