Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 9
- Article
- Zwei Eiferer
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 522 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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522 Jakob Fichmann: Band zwischen Mensch und Natur: der Wille zur Tat verderbt war. Wie Achad Haam, der ihn bis zum Ende im Denken erzogen hatte, glaubte auch er nicht, daß vom ,, Geschlechte der Wüstenwanderung" noch etwas zu hoffen wäre; er wußte, daß wir vor allem den Grund bereiten müßten, „die Zelle der Nation, aus der sich dann der gesunde Organismus entwickeln soll". Aber sein Gedanke schritt weiter: er erkannte, daß Vorbereitung und Tat nicht zu trennen sind, daß die Tat selbst die einzige Vorbereitung ist, die es gibt. Indem er die jüdische Eigentümlichkeit, von Mal zu Mal sich zu begeistern und dann wieder im Schlamm der Passivität zu versinken, zutiefst erkannte, forderte er nicht eine strahlende Aktivität, sondern Beständigkeit bei der kleinen Arbeit, die die größte aller Heldentaten, die die Grundlage der Weltkultur ist. Er glaubte, daß nur sie allein erziehen und allmählich auch eine geistige Umwandlung bewirken könne. Das nannte er wahre vitale Kraft, die sich nicht nur für einen Augenblick erhebt, sondern immer wächst, fortwebend am ewigen Gewebe des Lebens. Der Gedanke der Arbeit wurde ihm zur Grundlage einer tiefen Weltanschauung. Nicht immer wußte er ihn richtig auszudrücken. Doch wer sich in seine Lehre vertieft, wird darin eine umfassende Lebensbetrachtung finden. Bei all der Einfachheit seines Denkens war er von Natur tief, im Grunde metaphysisch angelegt. Er dachte viel in seinem Leben — arbeitete und dachte; auch das Denken war ihm eine Arbeit, kein Vergnügen. Er empfand das Bedürfnis nach einer großen, geschlossenen Weltanschauung, darum ging er immer wieder seine Lieblingsgedanken durch, war bestrebt, sie zu erläutern, zu vertiefen, so weit er nur konnte. Wie Achad Haam, der die zionistische Lösung der Judenfrage zur Grundlage einer umfassenden Weltanschauung machte, wollte auch er einen konkreten Gedanken, eben den der Arbeit, in den Mittelpunkt stellen, ihn zur Zentralidee erheben, die das ganze Leben durchdringt und all sein Wesen erfüllt. Während Achad Haam glaubte, daß "diese Wirkung durch eine Erneuerung der hebräischen Kultur in Palästina erreicht werden könne, glaubte Gordon nur an das konkrete Leben, indem er auch in der Kultur nur einen Ausfluß eines geschlossenen und harmonischen, eines schöpferischen Lebens sah. Vor seiner grausamen Logik gab es keine Halbheiten. Die Mauer seiner Weltanschauung zeigte keine Bresche. Sein Gedanke umspannte alles mit eisernen Armen. ,,Erez Israel verlangt von euch Herz und Leben, oder es verlangt nichts von euch" — so urteilte der große Chaluz. Und er selbst zeigte, wie man alles geben kann. Als er nach Palästina kam und sich in En Ganim niederließ, wo er schwer arbeitete, wo ihm seine Frau durch Krankheit entrissen wurde und wo er schließlich auch den Tod seines einzigen Sohnes erlebte, eines einfachen, frommen Menschen, der während des Krieges in Rußland geblieben war — und er nun fast allein war — da wuchs er durch sein Leiden, arbeitete mit Freude und war ein Vorbild für die Jüngeren in seiner heiteren, ruhigen Art. Niemand hörte ihn je über sein eigenes Leid klagen, niemand sah ihn seufzen — außer über die allgemeine Not. Es versteht sich, daß seine Freunde sich bemühten, seine Last mitzutragen, aber das gelang nur