Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 9
- Article
- Zwei Eiferer
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 519 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3101111-3101189-3101198-3108482--6376-3108522- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Zwei Eiferer 519 und bemühte sich im geheimen — im Gegensatz zu dessen Lehre, daß es keine Schöpfung aus dem Nichts gebe und daß man auch für den neuen Wein den alten Krug bewahren müsse — geradezu darum, den Krug zu zerbrechen. Seiner Theorie lag der — übrigens gesunde — Gedanke zugrunde, daß man eine Sprechsprache, ein Organ des freien, primitiven Ausdruckes schaffen müsse. Laßt uns plappern, laßt uns stammeln, aber wir wollen nur hebräisch sprechen! Die Folgen dieser Losung können aber sehr gefährlich sein. Der Verderb der Sprache zieht notwendigerweise eine geistige Verarmung nach sich. Das geheime Bestreben. Ben Jehudas war es, das lebendige Hebräischsprechen von dem Einfluß des Buches zu befreien, das organische Band zwischen der schriftlichen Lehre und der lebendigen Sprache zu zerschneiden. Kein Wunder, wenn er in seinen lexikalischen Neuerungen auch solche arabische Wurzeln, die offensichtlich dem Geist und den Formen unserer Sprache fremd sind, den hebräischen Quellen vorzog. Er suchte die Worte nicht einmal in der hebräischen Literatur. Er beachtete die Tradition in keiner Weise und glaubte im Gegenteil, je mehr man sich von ihrem Joch befreie, desto besser sei es für das neue Hebräisch. Das Sprechen wurde zur Hauptsache, die Kultur Nebensache. Er kannte alle Schwierigkeiten auf seinem Wege, darum war es sein Bestreben, ihn leicht zu machen, das Überlieferte herabzusetzen, nur damit der Weg gebahnter sei. Er wählte den kurzen Weg. Vielleicht müssen alle Schöpfer neuer Werte Nihilisten gegenüber dem Alten sein, um den Weg frei zu machen und den Geist von der Knechtschaft des Gestrigen zu befreien. Ben Jehuda hatte keinerlei Bedenken. Auf der einen Seite hielt er das Hebräischsprechen für allein geeignet, die zerstreuten Glieder der Nation zu einer organischen Einheit zusammenzufügen, auf der anderen Seite fürchtete er sich vor der hebräischen Kultur, in der er eine Nebenbuhlerin für seinen Gedanken sah. Im Hebräischsprechen sah er einen Gegenwert für alles. Die vergangene Kultur war für ihn nur lexikalisches Material und er „duldete" sie nur so weit, als sie nicht störte. Und er mußte ja sehen, daß sie in der Tat seine Kreise störte, daß sie für ihre Lebensberechtigung stritt und für ihren Geist und ihre Vollständigkeit gegenüber der sprachlichen Regellosigkeit kämpfte, die fast notwendig verbunden war mit einem so schwierigen und verschlungenen Prozeß, wie es die Umwandlung einer alten orientalischen Sprache in eine moderne ist: im Munde eines Volkes, das so sehr europäischen Geist in sich aufgenommen hat. Ben Jehuda war ein Epikores1) von Natur. Um sich ganz seiner einzigen Leidenschaft hinzugeben, war er als engbegrenzte Persönlichkeit gezwungen, alles übrige wegzuwerfen. Die Last war ihm zu schwer. * Darum erlaubte e^ in seinen Zeitungen nicht nur den schlechtesten und verderbtesten Stil, sondern zog ihn sogar in gewissem Grade groß. Er selbst hatte von Haus aus einen guten und gewichtigen hebräischen Stil, doch zwang er sich fast dazu, schlecht zu schreiben. Ich übertreibe nicht, wenn ich sage, daß er l) Eigentlich Epikuräer, Leugner der Religion und alles Überlieferten.