Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 9
- Article
- Zur Geschichte des jüdischen Sozialismus
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 514 (sequence 12)
- Language
- German
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5M ArjehTartakower: eins zu emanzipieren, was auch schließlich gelang, ein Vorgang, der nicht in letzter Linie durch den allzugroßen Eifer der Agudath Hasozialistim verursacht wurde, mit dem sie die Gewerkvereine autonom und nur von dem Willen ihrer Mitglieder abhängig zu machen suchte. Dazu kam noch der Umstand, daß es nach dem Ausscheiden Liebermanns, unter dessen sehr kräftigem Einfluß der Verein von Anfang an stand, an einer führenden Persönlichkeit fehlte, die die weitere Tätigkeit hätte bestimmen können. So sah sich denn der Verein bereits nach sehr kurzer Zeit vor ein Nichts gestellt: man wußte einfach nicht, was weiter zu machen sei. Nach einer Reihe verzweifelter Versuche, die eigene Existenzberechtigung zu wahren, stellte man den weiteren Kampf ein, und am 28. Dezember 1876 löste sich derVerein auf, der während der kurzen Dauer seiner Existenz viel geleistet hatte und noch mehr hätte leisten können, wenn er mehr tatkräftige und zielbewußte Mitglieder gehabt hätte. Liebermann selbst ging nach dem Scheitern dieses zweiten großangelegten Versuches nach Wien, um dort seine Ideen von neuem propagieren zu können. Für ihn, der ein glänzender hebräischer Stilist war, bot sich dort dazu dne gute Gelegenheit. In Wien erschien damals der von Smolenskin redigierte „Haschachar"1), und Liebermann wurde Mitarbeiter an dieser Zeitschrift. Obwohl Smolenskin den Haschachar in streng nationalem Sinne leitete, so wußte er doch die schriftstellerische Begabung Liebermanns zu schätzen und veröffentlichte dessen sozialistische Aufsätze ohne Schwierigkeiten in seiner Zeitschrift. Zu gleicher Zeit arbeitete Liebermann an einem großen Werk, in dem er zu beweisen suchte, daß alle Gedanken des neuen Sozialismus der jüdischen Überlieferung entnommen seien, und wo er die Entwicklung der sozialistischen Bewegung bis Lassalle und Marx schilderte. Das Werk, dessen Manuskript bereits im Jahre 1877 unter dem Titel ,,Masat Nafschenu" 2) fertiggestellt war, ist bis zum Jahre 1907 (vgl. den Aufsatz von M. K.: Nihilistim Ivriim bischnot haschivim,3) Haschiloah 1907) und, soweit mir bekannt, auch bis zum heutigen Tage noch nicht erschienen. Liebermann fand auch in Wien einen Genossen, und zwar sowohl was die Gesinnung, als auch was die schriftstellerische Begabung betrifft. Es war dies der junge Leiser Zuckermann (geb. 1852 in Mohilev am Dnjepr), der, nachdem er aus seinem streng orthodoxen Vaterhaus entwichen war, eine Zeit lang als Arbeiter in Berlin gelebt und zu den aktivsten Mitgliedern des dortigen sozialistischen Kreises gehört hatte, dann nach Wien ging, als Setzer in der Druckerei arbeitete, in der der,, Haschachar*' erschien, und zugleich seine Aufsätze und Novellen in dieser Zeitschrift veröffentlichte. Auch sie wurden, wenngleich sie in noch viel radikalerem Tqn als die Liebermanns geschrieben waren, wegen ihrer schönen Sprache von Smolenskin anstandslos durchgelassen. Liebermann, der Zuckermann noch von Berlin aus kannte, zog ihn an sich heran. Sie 2) Die Morgenröte. 2) Unser Ideal. a) Jüdische Nihilisten in den siebziger Jahren.,