Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 9
- Article
- Zur Geschichte des jüdischen Sozialismus
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 515 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Zur Geschichte des jüdischen Sozialismus 515 fühlten sich beide als Mitarbeiter des „Haschachar" nicht sehr wohl, und da ihnen viel daran lag, ihre Anschauungen möglichst populär zu machen so reifte in ihnen der Entschluß, eine eigene Zeitschrift in hebräischer Sprache herauszugeben. Er wurde rasch in die Tat umgesetzt. Bereits im Mai 1877 erschien die erste Nummer der „Haemeth"Die Zeitschrift wurde fast ohne Mittel begründet. Liebermann und Zuckermann waren die Hauptmitarbeiter, Zuckermann setzte die Nummer allein auf. Als ihr Programm bezeichnete die Zeitschrift die Verbreitung. des sozialistischen Gedankens unter den Juden. Sie war daher auch sehr billig (Abonnementspreis ein Rubel jährlich). Ihr Inhalt war im allgemeinen ziemlich ärmlich: sie griff die jüdische Bourgeoisie an, bekämpfte die einseitige Entwicklung des Händlerstandes bei den Juden und rief immer wieder zum Sozialismus und zur Vereinigung mit dem internationalen Proletariat auf. Nichtsdestoweniger machte sie überall, wo sie hingelangte, einen großen Eindruck. Smolenskin selbst bekämpfte sie leidenschaftlich im „Haschachar", wegen des Verrates, den sie an der jüdischen Sache verübe. Tatsächlich war jedoch das Verhältnis der Zeitschrift zum Judentum kein klares, ja, es waren fast in jeder Nummer Widersprüche zu verzeichnen. Während man einmal nicht müde wurde zu betonen, daß es keinen Unterschied zwischen den Völkern geben dürfe, daß die Teilung in Völker überhaupt schädlich und zwecklos, daß nur die Teilung in Klassen berechtigt sei, wurde wiederum ein andermal mit Stolz der hohe soziale Gehalt der jüdischen Lehre betont, ja es wurden sogar die Jeschirahschüler begeistert gelobt, weil sie die nationale Kultur aufbewahrt und gerettet hätten. Wie an vielen anderen Stellen, so zeigt sich eben auch hier der Zwiespalt in Liebermanns Anschauungen. Es sei noch betont, daß die Aufsätze in „Haemeth" nicht gezeichnet wurden, so daß es heute nicht mehr genau möglich ist anzugeben, von wem jeder einzelne Beitrag stammt. Den Hauptteil wird jedenfalls Liebermann selbst geschrieben haben. Der Zeitschrift war keine lange Lebensdauer beschieden. Es erschienen im ganzen drei oder vier Nummern (die Zahl kann nicht genau festgestellt werden, da die Nummern, die ohnehin in keiner großen Auflage herauskamen, heute eine bibliographische Seltenheit geworden sind). Die letzte Nummer wurde an der russischen Grenze konfisziert. Liebermann selbst wurde von der österreichischen Polizei verhaftet, saß 9 Monate im Gefängnis, wurde dann an Preußen ausgeliefert, saß dort auch einige Monate m& ging nach seiner Freilassung nach London. Zuckermann ging nach dem Zusammenbruch der „Haemeth" nach Genf, wo er als Setzer in einer geheimen sozialistischen Druckerei arbeitete, siedelte dann in derselben Eigenschaft nach Petersburg über, wurde im Januar 1880 verhaftet, zu 8 Jahren Zwangsarbeit verurteilt und beging in der Verbannung Selbstmord. Indessen war Liebermanns Energie trotz aller Widerwärtigkeiten nicht erlahmt. Er rief in London im Jahre 1879 einen neuen sozialistischen Verein l) Die Wahrheit. 33*