Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 9
- Article
- Zur Geschichte des jüdischen Sozialismus
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 513 (sequence 11)
- Language
- German
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Zur Geschichte des jüdischen Sozialismus 513 6. Der Sekretär und der Schatzmeister werden auf 6 Monate gewählt, aber der Verein kann sie absetzen, wann er will. 7. Der Verein wird alle diejenigen aus seiner Mitte ausschließen, deren Tun nicht mit diesen Statuten übereinstimmt/* In diesen Statuten spiegelt sich ganz der Geist der ersten Internationale wieder. Derselbe stark kommunistische Anstrich, derselbe Glaube, daß nur auf dem Wege blutiger Revolutionen eine Änderung der sozialen Zustände möglich sei, derselbe Drang zum Internationalismus. Daran, sowie an den scharfen Wendungen gegen die Herrschaft der Geistlichkeit erkennt man zugleich die Arbeit Liebermanns. Denn er zeichnete sich durch einen geradezu fanatischen Haß gegen die Religion und ihre Vertreter aus. Der Verein ging energisch ans Werk. Proklamationen wurden unter die jüdische Arbeiterschaft verteilt, in denen sie auf ihre schlimme Lage aufmerksam gemacht und zur Organisierung aufgerufen wurde. Es wurden Volksversammlungen einberufen und zur Gründung von Gewerkvereinen jüdischer Arbeiter geschritten. Das gelang auch. Die Proklamationen wurden gerne gelesen, die Volksversammlungen hatten starken Zulauf, und die Gewerkvereine konstituierten sich. Als erster entstand ein Gewerkverein von Schneidern, hierauf ein Verein von Mantelarbeitern, Hutmachern usw. Nach anfänglichen Widerwärtigkeiten, durch die Mängel der englischen Gesetzgebung und mangelnde Erfahrung verursacht (so passierte es dem Gewerkverband der Schneider, daß ihm sein Schatzmeister mit angesammelten £ 80 nach Amerika durchbrannte), entwickelten sie sich sehr gut und hatten bald Erfolge zu verzeichnen. Im August 1876 erließ Liebermann einen Aufruf an die jüdische, sozialistische Intelligenz in London, der, mit großer Begeisterung und in den stärksten Ausdrücken abgefaßt, bis auf den heutigen Tag großen Eindruck auf den Leser zu machen imstande ist. Er bezeichnet die jüdischen Kapitalisten als die Ursache des Judenhasses und der Judenverfolgungen, fordert zum Kampf gegen sie auf und richtet einen Appell an die Intelligenz, sich der internationalen sozialistischen Bewegung anzuschließen. Der zwar äußerst einseitige, aber sehr starke und zugleich von tiefem sozialistischem und nationalem Gefühl zeugende Aufruf wurde in vielen Exemplaren über alle Länder (insbesondere Rußland) verschickt, erschien in russischer Übersetzung in der von dem bekannten russischen Sozialisten Lawrow in London herausgegebenen Zeitschrift „Wperiod" und machte einen großen Eindruck. So erfüllte denn anfänglich der sozialistische Verein die Hoffnungen, die an seine Gründung geknüpft worden waren. Rasch kam aber der Rückschlag. Liebermann veruneinigte sich mit den übrigen Mitgliedern des Vereins, die ihm die skandalösen, durch ihn verursachten Vorfälle auf der zweiten Volksversammlung, wo es zwischen ihm und einem anwesenden Rabbiner *u einer Rauferei kam, zum Vorwurf machten, und trat aus dem Verein ^s. Auch der Einfluß der „Agudath Hasozialistim Haivnm aut cue ^gegründeten Gewerkvereine wurde immer schwächer. Die uewem- *ereine suchten sich von der Vormundschaft des sozialistischen Vertieft 9. 33