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Der Jude · 1923-01-01 · Heft 9 · p. 510

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
7 (1923)
Issue
Heft 9
Article
Zur Geschichte des jüdischen Sozialismus
Date
1923-01-01
Page
510 (sequence 8)
Language
German
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5io Arj eh Tartakower: oder Suwalker Gouvernement) Eine der markantesten jüdischen Persönlichkeiten des 19. Jahrhunderts, ist Liebermann bis zum heutigen Tage breiten Kreisen der jüdischen Öffentlichkeit fast unbekannt geblieben. Ein Mann von feuriger Beredsamkeit und glänzendem hebräischen Schriftstellertalent, von großer Bildung und noch größerem Temperament, ein Mann, der, trotz vieler eigener gegenteiliger Äußerungen, mit tausend Fasern seines Herzens am Judentum hing, was sich in seiner Tätigkeit oft kundgab, hätte Liebermann trotz seiner vielen schwachen Seiten bei günstigeren Verhältnissen eine wirkliche Führerpersönlichkeit werden können. Er war aber seiner Zeit weit vorausgeeilt. So erschöpfte er sich denn rasch in verzweifelten Versuchen, einen jüdischen Sozialismus ins Leben zu rufen. Er gründete sozialistische Vereine und fand nur sehr wenige, und noch weniger geeignete Mitglieder dafür. Er gründete eine sozialistische Zeitschrift (die-erste jüdische sozialistische Zeitschrift überhaupt und die erste sozialistische Zeitschrift in hebräischer Sprache) und fand nur wenig Leser. Er arbeitete fieberhaft bis zu seinem jähen Tode und fand in dieser Arbeit (mit sehr geringen Ausnahmen) fast keine Mitarbeiter. So ist es denn kein Wunder, daß sein Wirken fast ganz ergebnislos blieb, und man heute in Archiven suchen muß, um die näheren Details über ihn zu erfahren. Er stammte aus jenen ersten russisch-jüdischen sozialistischen Kreisen der siebziger Jahre, die wir bereits kurz erwähnt haben, und wandte sich nach dem Zusammenbruch dieses ersten (übrigens recht schwachen) Versuches, gleich vielen anderen Genossen, nach dem Westen, wo er mehr Erfolg zu haben hoffte. Der Traum, der ihm vorschwebte, war die Gründung einer jüdischen Sektion der ersten Internationale. Zu jener Zeit lag diese allerdings bereits im Sterben, Davon wußte aber er, wie übrigens die meisten Mitglieder der Internationale, nicht viel. Rußland, wo das zaristische Regime jeden Versuch freiheitlicherer Regung blutig erstickte, schien ihm kein geeignetes Feld für seine Tätigkeit zu sein. Er wollte es in freieren Ländern versuchen. So wandte er sich denn (im Jahre 1876) nach London, wo sich bereits zu jener Zeit große Massen jüdischer Arbeiter befanden, machte aber zugleich den Versuch, in Berlin eine Sektion der Internationale zu gründen. Berlin war damals der Aufenthaltsort zahlreicher jüdischer Studenten und Studentinnen vom Schlage jener nihilistisch gestimmten Sozialisten der späten Haskalahperiode, die wir schon früher gekennzeichnet haben. Der Großteil von ihnen wohnte in einer gemeinsamen Wohnung am Zionskirchplatz und führte ein kommunistisches Leben: sie meinten es mit ihrem Sozialismus recht ernst, und viele von ihnen arbeiteten als gewöhnliche Arbeiter in verschiedenen Fabriken, um so 'das Leben des Arbeiters und seine Psychologie kennen zu lernen. Indessen konnte dieser Kreis sich aus den bereits erwähnten Gründen zu keiner Tat aufraffen, wiewohl er sehr radikale Schlagworte prägte und mit der herrschenden Richtung in der deutschen Sozialdemokratie, die den Weg langsamer Reformen auf dem Gebiete der sozialen Zustände beschritt, sehr unzufrieden

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