Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 9
- Article
- Zur Geschichte des jüdischen Sozialismus
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 511 (sequence 9)
- Language
- German
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Zur Geschichte des jüdischen Sozialismus 5" war. So war denn auch ihr Verhältnis zu Liebermann (der auf seiner Reise nach London kurze Zeit in Berlin geweilt hatte) zwar ein ziemlich inniges, doch aber weit davon entfernt, feste organisatorische Formen anzunehmen. Der Kreis selbst hielt sich nicht lange. Ein Teil der Mitglieder vollendete seine Studien und ging ins Berufsleben über, ein anderer kehrte nach Rußland zurück und stürzte sich erst dort, von gegenseitiger lähmender Beeinflussung befreit, in das richtige organisatorische, sowohl jüdische als auch nichtjüdische sozialistische Leben. Ganz anders waren die Verhältnisse in London. Hier gab es bereits eine richtige jüdische Arbeitermasse, die aufs schärfste ausgebeutet und von der englischen Arbeiterschaft als Lohndrücker gehaßt, ein äußerst kümmerliches Dasein führte. Es galt nur, sie aufzuklären und zum Kampf zu rufen. Liebermann ging mit großer Energie ans Werk. Bereits am 21. Mai 1876 wurde ein jüdischer sozialistischer Verein begründet, der erste jüdische sozialistische Verein überhaupt. Als Gründer fungierten zehn Personen, hiervon nur zwei Intellektuelle (Liebermann und Elieser Goldenberg); die anderen waren Arbeiter. Der Verein nahm einen hebräischen Namen an: Agudath Hasozialistim Haivrim.1) Seine Statuten wurden von Liebermann ebenfalls in hebräischer Sprache ausgearbeitet und dem Text eine authentische jiddische Übersetzung beigefügt. Er besteht aus einer sehr langen Einleitung, der einige sehr kurze Punkte folgen. Ich gebe dieses sehr interessante Dokument in wortgetreuer deutscher Übersetzung wieder. Es lautet: ,,Die Statuten der Agudath Hasozialistim Haivrim b'London: Nachdem wir uns überzeugt haben: daß die heutige Ordnung der Dinge in allen Ländern nur Gewalt und Unrecht bedeutet, die Kapitalisten, die Herrscherklasse und die Geistlichkeit sich selbst alle Rechte und alles Gute auf der Welt zugesprochen haben und dank der Herrschaft des allmächtigen Geldes sich die Arbeiter2) zu Sklaven gemacht haben, daß solange auf der Erde Privateigentum besteht, das Elend nicht verschwinden wird, solange sich noch die Menschen in Völker und Familien teilen, der Haß nicht ausgerottet werden kann, und solange die Geistlichkeit über die Gemüter des Volkes herrschen wird, auch der Religionshaß bestehen bleiben wird, daß die endgültige Erlösung der Menschheit nur kommen kann durch eine Umwälzung auf politischem, gesellschaftlichem und wirtschaftlichem Gebiet und durch eine Umwälzung des Verhältnisses zwischen Mensch und Mensch, durch die Beseitigung der heutigen sozialen Ordnung, um *) Vereinigung der jüdischen Sozialisten. , /) Seltsamerweise bedient sich Liebermann zur Bezeichnung Arbeiter des Wortes ,,«aai- . Mlacha« das in der modernen hebräischen Sprache bloß „Handwerker" bedeutet, obwohl ihm Ha* ^X7._i. « , , _« ____r»___—____ A*i«a;+A«<" ff^hraucht wird, mcnt «Jiacna", das in der modernen hebräischen Sprache bloß „Handwerker" Deaeuw», *m das Wort „Peel", das heute allein zur Bezeichnung „Arbeiter" tf^™**^,^ fremd war und selbst im Text der Statuten an einer Stelle verwandt wird. Ein Miöver- «andnis ist indes bei Vergleichung mit der jiddischen Übersetzung, wo immer wieder aas w°rt „Arbeiter" vorkommt, ausgeschlossen.