Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 9
- Article
- Zur Geschichte des jüdischen Sozialismus
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 509 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3101111-3101189-3101198-3108481--6365-3108512- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Zur Geschichte des jüdischen Sozialismus 509 einer großzügigen Propaganda konnte unter derartigen Umständen kaum die Rede sein. Es bildeten sich unter Führung von Studenten kleine Gruppen, die bis ro Mann zählten (die Mitglieder wurden den schon vorher erwähnten Kassen entnommen), und in denen alles mögliche Wissenswerte gelernt wurde, angefangen von der russischen Sprache über Mathematik und Geschichte bis zur politischen Ökonomie und Geschichte des Sozialismus. Der Hauptsitz dieser Kreise war Wilna, das noch auf lange Jahre hinaus der geistige Mittelpunkt der jüdisch - sozialistischen Bewegung bleiben sollte, doch bildeten sich derartige Gruppen auch in den anderen Städten Polens und Litauens. Viel war natürlich auf diese Art nicht zu erreichen. Die Zahl der organisierten Arbeiter blieb äußerst gering, das Gros hatte keine Ahnung von dieser Art der Organisation und blieb ihr ganz fern. Es zeigten sich, auch andere schlimme Folgen dieser Art organisatorischer Tätigkeit. So mancher Arbeiter und manche Arbeiterin, die in einer solchen Gruppe ein anderes, schöneres Leben kennen gelernt und sich zugleich ziemlich viel allgemeines Wissen angeeignet hatten, verließen ihre bisherige Arbeit, gingen zu einem Intelligenzberuf über und kehrten sowohl dem Arbeiterstand als auch dem Sozialismus den Rücken. So machten sich denn bereits nach sehr kurzer Zeit oppositionelle Stimmen geltend. Es wurde gefordert, die bisherige, unfruchtbare Arbeit aufzugeben und zur breiten Massenpropaganda überzugehen, die einen großen Teil jüdischer Arbeiter erfassen könne. Der Kampf zwischen den beiden Richtungen tobte lange Zeit und endete schließlich mit dem Sieg der zweiten im Jahre 1893, als die Arbeiteragitatorenversammlung in Wilna beschloß, zwar die Arbeit in den Gruppen nicht aufzugeben, aber zugleich zur breiten Propagandatätigkeit überzugehn. Tatsächlich bedeutete dieser Beschluß einen Markstein in der Geschichte des jüdischen Sozialismus. In kurzer Zeit bildeten sich sozialistische Arbeiterorganisationen in allen größeren Städten Polens und Litauens, deren Vereinigung im Jahre 1897 die Gründung des ,,Bundu mit sich bringen sollte. Noch ehe es aber dazu kam, wurde in den siebziger Jahren ein großzügiger Versuch gemacht, im Westen Europas einen jüdischen Sozialismus ins Leben zu rufen, ein Versuch, der nicht nur deswegen merkwürdig ist, weil er in der Hauptsache von einem einzigen Mann ausging, sondern auch deswegen, weil man sich bei ihm noch in starkem Maße der hebräischen Sprache als Organisation- und Propagandasprache bediente, was späterhin (Palästina ausgenommen) nicht mehr der Fall sein sollte. Der Versuch blieb allerdings im großen und ganzen ergebnislos. Nichtsdestoweniger stand der jüdische Sozialismus des Ostens noch lange Zeit unter dem Einfluß jener Bewegung und betrachtet sie als integralen Teil seiner eignen Entwicklungsgeschichte. Der Mann, der fast gleichzeitig an drei Stellen (in Berlin, London und Wien) einen jüdischen Sozialismus ins Leben zu rufen versuchte, war Aron Liebermann (hebr. Pseudonym Bar- Drora, englischer Name, nachdem er die englische Staatsbürgerschaft angenommen hatte, Arthur Freeman, geb. 1849 in Litauen, im Grodnoer