Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 9
- Article
- Zur Geschichte des jüdischen Sozialismus
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 508 (sequence 6)
- Language
- German
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508 Arjeh Tartakower: Massenpropaganda so viel bedeutete, wie endgültige Abkehr vom Judentum, um nur unter russischen Arbeitern und Bauern zu wirken. Oder aber es waren Leute aus der Haskalahperiode, alte Sucher nach „Wahrheit" und „Lebensziel", Leute, denen lange Jahre hindurch die Bildung, die „Tochter des Himmels", das einzig erstrebenswerte Ziel schien, die schließlich an dem absoluten Wert dieses Ziels zu zweifeln anfingen und krankhaft nach einem anderen Idol suchten, es schließlich teilweise im Sozialismus fanden und auf diese Weise Sozialisten wurden. Natürlich konnte aber ein derartiger Sozialismus, der auf dem Wege zahlreicher Klügeleien sozusagen entdeckt ward, zu keiner positiven befreienden Tat anspornen. Hatte doch nicht die Erkenntnis, daß die heutigen sozialen Zustände unhaltbar seien, sondern die immer unerträglicher werdende Öde des inneren Lebens den Maskil zu dieser Weltanschauung geführt. So waren denn in ihr viel mehr nihilistische Elemente als positiv sozialistische enthalten, viel mehr eitle Disputiersucht als schöpferische Tatkraft und ernster Wille, den Sozialismus unter den jüdischen Arbeitern zu propagieren. Von dieser Seite konnte der Bewegung kein Führer erstehen. So dauerte es denn lange Zeit; bis sich ein Kontakt zwischen der jüdischen Arbeiterschaft und der jüdischen sozialistischen Intelligenz ausbildete, die die Bewegung rasch vorwärts riß. In diesen Jahren (1886/87) beginnt auch die eigentliche Geschichte der jüdisch-sozialistischen Bewegung, obwohl schon früher, Mitte der siebziger Jahre, sich in der jüdischen Gasse eine schwache sozialistische Bewegung zu entwickeln begonnen hatte, die jedoch nach kurzer Zeit, teils infolge von Repressivmaßregeln der russischen Regierung, teils an eigener Schwäche, zugrunde ging. Eigenartig waren die Formen, in denen sich dieser Kontakt in den ersten Jahren vollzog. Die Zahl der Intelligenzler, die den Weg zu den jüdischen Arbeitern fanden, war gering, die Hindernisse, die es zu überwältigen gab, waren sehr groß. Der Arbeiter verstand die russische Sprache nicht, man mußte jiddisch mit ihm sprechen. Diese Sprache beherrschten wiederum die wenigsten der führenden Intelligenzler. Meist handelte es sich dabei um Studenten, die infolge verschiedenster Ursachen (meist infolge disziplinärer Untersuchungen) das Studium unterbrechen oder gar aufgeben mußten und sich desto intensiver der revolutionären Propaganda hingaben. Hierbei wurden soziale Ziele mit politischen sehr stark vermengt und wohl kaum je deutlich zwischen den beiden unterschieden. Man wollte sowohl den Kapitalismus als auch den Zarismus aus der Welt schaffen und glaubte gleichzeitig den Kampf mit beiden aufnehmen zu können und zu sollen. Beide Ziele blieben noch auf lange Jahre hinaus aufs innigste miteinander verquickt, welcher Umstand in der Folge von einem der tüchtigstefi russischen Kriminalbeamten zu einem großzügigen Versuch benutzt werden sollte, die jüdische Arbeiterbewegung unschädlich zu machen. Indes glaubten die Studenten mit den jüdischen Arbeitern, solange sie vollkommen ungebildet waren, nur wenig anfangen zu können. So rückten sie denn das Ziel der Arbeiterbildung in die erste Reihe, um sie dadurch zur revolutionären Tat fähig zu machen. Von