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Der Jude · 1923-01-01 · Heft 9 · p. 507

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
7 (1923)
Issue
Heft 9
Article
Zur Geschichte des jüdischen Sozialismus
Date
1923-01-01
Page
507 (sequence 5)
Language
German
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Zur Geschichte des jüdischen Sozialismus 507 der vorherrschende war, dort ließ das übliche patriarchalische Verhältnis zwischen Meister und Gesellen oder Lehrlingen den Klassengegensatz gar nicht zum Vorschein kommen, mochte die .Ausbeutung auch noch so weit getrieben werden. Der Umstand, daß der Arbeiter in den meisten Fällen beim Arbeitgeber auch auf Kost und Quartier aufgenommen wurde, trug natürlich auch das seinige dazu bei, allfällige Gegensätze zwischen beiden Seiten rasch und gründlich zu verwischen. Dort hingegen, wo sich der Übergang vom Handwerk zur Heimarbeit vollzogen hatte, nahm zwar das patriarchalische Verhältnis zwischen dem Unternehmer und dem Arbeiter ein Ende; es fehlten aber noch immer die anderen Momente, die zur Entwicklung einer Arbeiterbewegung unbedingt notwendig sind: das gemeinsame Zusammenarbeiten unter einheitlicher Leitung und der tägliche Kontakt von Arbeiter zu Arbeiter, der eine zielbewußte Propaganda ermöglicht und leicht durchführbar macht. Ist doch bis zum heutigen Tage die in der Heimarbeit beschäftigte Arbeiterschaft die sozial schwächste und der Ausbeutung am meisten preisgegebene. So vergingen denn lange Jahre, ehe es überhaupt zu irgendeiner Organisation der jüdischen Arbeiterschaft kam. Erst die bittere Not erzwang die ersten schüchternen Versuche. Man suchte sich zunächst gegenseitig zu helfen: Unterstützungskassen waren die erste Organisationsform der jüdischen Arbeiterschaft. 1883 entstand die erste Kasse dieser Art. Sie wurde von den Sockenarbeiterinnen in Wilna begründet. Es folgten ziemlich rasch andere ähnliche Gründungen, die jedoch alle lediglich Unterstützungszwecke verfolgten. Erst im Lauf der Zeit organisierten sie sich in eigentliche Kampfkassen um. Daß sich die jüdische Arbeiterbewegung nur sehr langsam entwickelte, hatte aber noch einen anderen bedeutsamen Grund. Bei allen anderen Völkern, in denen die sozialistische Arbeiterbewegung sich rasch und stark ausgebreitet hat, geschah es nicht in letzter Reihe deswegen, weil sich an die Spitze der Bewegung Männer aus der Intelligenz stellten, die sie dank ihren Fähigkeiten in organisatorischer und propagandistischer Beziehung rasch vorwärts brachten. Der jüdischen Arbeiterschaft fehlte eine solche Führerschaft. Allerdings gab es zu jener Zeit, wo sich die ersten Ansätze einer jüdischen Arbeiterbewegung zeigi:eny bereits eine ziemlich bedeutende jüdische Intelligenz, ja sogar auch eine ziemlich bedeutende jüdisch - sozialistische Intelligenz. Aber kein Führer konnte der jüdischen Arbeiterbewegung aus dieser Intelligenz erwachsen. Die jüdische sozialistische Intelligenz, wie die jüdische Intelligenz jener Zeit überhaupt, zerfiel in der Hauptsache in zwei Kategorien. Entweder setzte sie sich aus Universitätsstudenten zusammen, also aus Leuten, die in der überwiegenden Mehrzahl der Fälle aus reichen, assimilierten Häusern stammten, keine Ahnung vom Judentum hatten, die Sprache der jüdischen Massen nicht verstanden, von der Existenz eines jüdischen Arbeiterstandes wenig oder gar nichts wußten, denen, soweit sie Sozialisten wurden (und ein sehr großer Teil von ihnen wandte sich ja dem Sozialismus zu), die Arbeit für den Sozialismus, die

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