Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 9
- Article
- Zur Geschichte des jüdischen Sozialismus
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 506 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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506 Arjeh Tartakower: listischen Bewegung in unserem Sinne erst seit den letzten Jahren des vorigen Jahrhunderts sprechen, in denen sich der „Bund" in Rußland, im Zusammenhang mit den Verfolgungen seitens der russischen Polizeibehörden, zu entwickeln begonnen hat, um im Jahre 1897 seine definitive organisatorische Gestalt zu finden. Allerdings, jüdische Sozialisten gab es viele, bereits lange vor dieser Zeit, es gab sogar solche, die ein positives Verhältnis zu ihrem Judentum gefunden hatten (z. B. Moses Heß), es gab auch hier und da jüdische sozialistische Arbeiter in den allgemeinen sozialistischen Organisationen. Es fehlte aber fast völlig an einer organisierten jüdischen sozialistischen Massenbewegung; wo wenigstens Ansätze zu einer derartigen Bewegung sich zu entwickeln begannen (London, Kongreßpolen), da fehlte es gänzlich an einer Einstellung zum Judentum, an dem Bewußtsein, daß es so etwas, wie eine spezifische jüdische Arbeiterfrage gibt, deren zwei Seiten, einerseits das Jüdischsein, anderseits die soziale Frage in untrennbarem Zusammenhang miteinander stehen. Die Ursachen dieser Erscheinung, auf die noch genauer zurückzukommen sein wird, sollen hier zur Erklärung des Folgenden kurz angegeben werden. Die spezifischen jüdischen Produktionsarten (diejenigen also in denen sowohl Unternehmer, als auch Arbeiter Juden sind) haben die allgemeine Entwicklung der gewerblichen Tätigkeit vom Handwerk über die Manufaktur zum industriellen Großbetrieb, die in Westeuropa in rasendem Tempo vor sich gegangen ist, nur äußerst langsam und zu einem großen Teil noch bis auf den heutigen Tag nicht vollzogen. Die Ursachen dieser Erscheinung sind einerseits in der großen Billigkeit der menschlichen Arbeit zu sehen, die sehr lange Zeit hindurch den Übergang zum maschinellen Großbetrieb als gar nicht opportun erscheinen ließ, anderseits wiederum in dem Mangel an jeder technischen und wirtschaftlichen Vorbildung, der die jüdische Unternehmerschaft und zwar sowohl die Handwerker als auch die eigentlichen Unternehmer noch bis zum heutigen Tage in einem bedeutenden Maße kennzeichnet und der einen Übergang zu einem rationelleren, aber komplizierteren Betrieb ganz unmöglich macht. So herrschte denn im Osten Europas, sowie überhaupt in den Gegenden jüdischer Massenkonzentration, wo sich die spezifisch jüdischen Produktionsarten (Schneiderei, Fellbearbeitung, Konfektionsindustrie, Handschuh- und Sockenfabrikation u. dergl.) entwickelten, zu der Zeit, wo in England, Deutschland und sogar in Kongreßpolen der maschinelle Großbetrieb den Kleinbetrieb längst in den Hintergrund gedrängt hatte, gerade er in den jüdischen Betrieben fast ausschließlich. Und selbst da, wo der Zwang der Verhältnisse zum Großtfetrieb drängte, suchte man nach einem Mittel, sich um die Notwendigkeit, zu höheren Betriebsformen überzugehen, herumzudrücken. So entwickelte sich im jüdischen Gewerbe die Heimarbeit in einer ungeahnten Weise, mit allen ihren Merkmalen und sozialen Folgen, wie sie überall in Verbindung mit dieser Betriebsform auftreten. Die Folgen dieser Entwicklung der Dinge für die Entwicklung der jüdischen Arbeiterbewegung sind unschwer auszumalen. Wo der Handwerkerbetrieb