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Der Jude · 1923-01-01 · Heft 9 · p. 501

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
7 (1923)
Issue
Heft 9
Article
Die Völker und die Juden
Date
1923-01-01
Page
501 (sequence 5)
Language
German
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Die Völker und die Juden 501 dische Wesen. Sie gibt diesem Vorwalten etwas tief Beunruhigendes. Der Erfolg der Juden, aber auch die Kritik dieses Erfolges, hat in den Ländern der europäischen Revolution einen hohen Grad erreicht. Auch hier ist der Abgrund offen. Da genügt nicht mehr das Wort von der Spannung zwischen der deutschen und der jüdischen Seele, die sich so oft in der selben Liebe treffen und beschenken. Es ist wahr, man sieht heute die Pflege des geistigen Lebens in Deutschland zu einem beträchtlichen Teil in jüdischen Händen, so daß es, wie Wilhelm Schäfer sagt, „beinahe aussieht, als wolle das deutsche Volk diesen ihm unwichtigen Teil seines Daseins den Juden überlassen4'. Die Verschiedenheit des deutschen und des jüdischen Charakters kommt ja auch in der Liebe zum Ausdruck. Zuweilen empfindet der Deutsche, daß Deutsches zu ihm durch fremde Liebe kommt und die Spuren dieser Vermittelung an sich trägt, er empfindet, daß dadurch „die Auswahl und Schätzung unserer Bildungsgüter eine Verschiebung erfährt4 Das gilt nicht nur für die Bildungsgüter. In dieser Zeit, wo das Wort von der natürlichen Spannung und dem Ausgleich der Völker fast seinen Sinn verloren hat, gilt die Krise der Völker auch für das Verhältnis des Deutschen zum Juden. Es wird immer die Fruchtbarkeit und die Geschenke dieser Spannung geben, aber hier ist eine Grenze. Das Übermaß der Spannung muß zu einem Bruche führen, der das Chaos vergrößert, wo nicht diese Spannung aus dem vollen Bewußtsein des Abstandes ein neues Maß, einen neuen Bogen, einen tieferen Sinn erhält. Aus dem instinktiven Vorgefühl der Weltsituation, in der die Völker und die Juden heute stehen, entstand der Zionismus. Vom Juden her gesehen ist der Zionismus ein Gefühlsausbruch, ein irrationaler Vorgang. Er entspricht jener Heimkehr nach Jerusalem, als sich in der babylonischen Verbannung zum Entsetzen der Propheten das jüdische Volk von Ackerern und Gärtnern in eine Schar von Handeltreibenden verwandelte und sich in alle Örter der damaligen Welt zu zerstreuen begann. Auch von den Völkern her gesehen, ist der Zionismus ein irrationaler Vorgang. Die Losungen des Zionismus sind so verschieden, wie sie sich an alle Schichten des Judentumes wenden, an die besitzenden und an die nichtbesitzenden, an die gedrückten und an die freien, an die politischen und an die unpolitischen, an die religiösen und an die nicht religiösen, an die des Abendlandes und an die des Morgenlandes. Der Zionismus wird aus unendlich verschiedenem Zweifel als lebendig empfunden und aus unendlich verschiedenen Gründen immer wieder für tot erklärt Aber über alle Formen und Motive des zionistischen Weges, über die unzähligen Hemmungen, die von innen und außen kommen, schreitet die Bewegung. Heute erscheint sie in der Parallele zu dem erwachten Nationalismus der Völker, morgen als ihr Gegensatz und ihre Ausnahme, heute als eine Absage und Abkehr von dem Wesen der Völker, morgen als die aus dem Innersten einer Volksganzheit geborene Tat, derpn Sinn es ist, Übereinstimmung, Vertrauen, Gerechtigkeit zwischen den Völkern herzustellen. Sie erscheint als ein heiliger Versuch, jenen Staat vorzubilden, der nicht mehr das Haus aller dämonischen Plagen sem

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