Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 9
- Article
- Die Völker und die Juden
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 500 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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500 Alfons Paquet: Gegenwart, Es steht damit in einer stetig wachsenden Spannung, in einem wachsenden Gegensatz zu seiner zivilisierten Sphäre, an einem Punkte des Bewußtseins, das störende Element in Europa zu sein und doch nicht anders zu können. Es hat die Lächerlichkeit, die Demütigungen, die Leiden dieses Zustandes auf sich genommen. Hier ist ein Volk, tief gezüchtigt durch den Niederbruch seines Staates, den es an der Stelle des mittelalterlichen Reiches, das ein heterogener Staat war, als ein neues Reich der nationalen Homogenität errichtete. Der Bestand dieses Reiches war kurz. Ein Gefühl ist vorhanden, daß alle Hände, die an der Arbeit sind, die Form, die Dichtung des niedergebrochenen Staates wiederherzustellen, voreilig sind. Die Dürftigkeit dieser Wiederherstellungen ist zu offenbar. Der heutige deutsche Staat ist kein Staat mehr. Es fehlen ihm alle Merkmale des Staates: der consensus der Bürger, die Autorität, die verschließbaren Grenzen, die Sicherungen der bewaffneten Macht und der an einen Willen gebundenen Fernwirkung. Wir Deutschen sind weder eine Rasse noch eine Gemeinschaft, nicht einmal eine Hoffnung dazu. Wir sind ein Block von heterogenen Metallen, zusammengesetzt aus den Rassen, aber keine Rasse. Wir sind zusammengesetzt aus Gemeinschaften, aber keine Gemeinschaft. Dennoch ist das Typische und Einigende spürbar, und selbst in der äußersten Wehrlosigkeit hält sich das hohle Gehäuse des Staates aus nichts anderem als aus den Eigenschaften seines Volksbestandes aufrecht. Irgend ein letztes Gefühl der Notwendigkeit, der Unentbehrlichkeit ist unser Schutz und unsere Verbindung mit der Welt. Kein Volk faßt so unmittelbar wie das deutsche seine Auflösung unter die Völker ins Auge. Aber das Merkwürdige ist, daß es dabei keinen Augenblick den Glauben aufgibt, der so lächerlich erscheint: daß auch dieses deutsches Schicksal sei, der Einkehr aller Völker in ein einziges Volk zu dienen. Vielleicht ist hier ein Nachgefühl des Reiches, dessen Oberhaupt noch bis vor hundert Jahren den Namen des römischen Kaisers führte und das aus einer religiösen Idee, der des Augustin, geboren sein muß, wie könnte man ihm sonfct den Namen eines heiligen Reiches gegeben haben? Vielleicht auch ein Vorgefühl des neuen Reiches, das mehr als ein Staat, mehr als ein Völkerbund ist. Es gibt heute kaum noch ein einziges Volk der Erde, das nicht mit einem an Verzweiflung grenzenden Gefühl, das zuweilen in Haß ausbricht, Angelegenheiten, die es für seine eigensten hält, in den Händen anderer sieht. Die Deutschen sehen sich in den Händen einer tief gesetzlosen, sinnlosen Welt unter dem Fluch der eigenen Gesetzlosigkeit und Verwirrung, und dennoch hält sie der Glaube an eine Bestimmung aufrecht. Dieses Schicksal verbindet sie mit den Völkern, auch das Schicksal der Wehrlosigkeit spielt da hinein, es verbindet sie vielfach mit keinem Volke stärker als mit den Juden. Wehrlosigkeit geht zweierlei Wege, den gemeinen und den edlen. Vielleicht erklärt dieses Schicksal, im Streben nach der Verwirklichung des Weges, immer den einen oder den anderen Weg der Wehrlosigkeit gehen zu müssen, das Vorwalten der Juden in den revolutionären Ländern. Aber hier ist die Unsicherheit über das eigene Wesen und die Ungewißheit über das jü-