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Der Jude · 1923-01-01 · Heft 9 · p. 499

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
7 (1923)
Issue
Heft 9
Article
Die Völker und die Juden
Date
1923-01-01
Page
499 (sequence 3)
Language
German
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Die Völker und die Juden 499 geistig-seelischen Element, das in seinen überlieferten Ausdrucksformen in die voreuropäischen Gesetztheiten zurückreicht. Das asiatische Verhalten hat mit den Beweisbarkeiten und den einleuchtenden Maximen des gesunden Menschenverstandes so wenig zu tun wie etwa das Kommando „Feuer" im Gefecht mit dem Gesetzeswort „Du sollst nicht töten". Das eine ist die logische Folge unzähliger, in lückenloser Reihe aneinandergebundener Verursachungen, das andere ein Grundwort, das über allen diesen Verursachungen steht. Hier soll nicht der Versuch gemacht werden, etwas Geographisches in das Sittengesetz hineinzutragen, wir fühlen aber wohl, daß das einfache östliche Wort stärker ist als das westliche. Der westliche Mensch ist voller Mutmaßungen und Versuche, zwischen den Energien, die ihn zerreißen, und dem Sinn des Lebens einen Zusammenhang herzustellen; die meisten seiner Versuche erweisen sich als irrig, als faden-** scheinig, oft genug als töricht und ganz vergeblich. Wo immer er seine Lebensformen als peinlich empfindet und es wagt, diesem Peinlichen auf den Grund zu gehen, findet er die alten Bilder. Seine straffe Organisation der Staaten geht auf das alte Rom zurück, seine Deutung des Schönen auf Hellas, seine Ökonomie auf das profitwirtschaftliche Händlertum der Randvölker des Mittelmeeres, —. vielleicht waren die Phönizier nur ein Gemisch aus allen Völkern der alten vorderasiatischen Welt. Das Schöpferische des europäischen Menschen liegt in der unbesonnenen Kraft und Freiheit, mit der er das vielfältige Erbe aufnahm und es bis ins letzte zu dem Bild der heutigen abendländischen Welt gestaltete. Der Glaube, daß selbst in dem Labyrinth, 4as da entstanden ist, ein Grundplan verborgen liege, vermag auch in der westlichen Welt den Menschen hervorzubringen, der niemals historisches Produkt ist,sondern mehr,nämlich den wahrhaft frommen,den weisen, den heroischen Menschen. Er ist keimhaft und in tausend Versuchen vorhanden. Und sein Glaube, der oft nur ein Gefühl ist, daß weder Rom, noch Hellas, noch Babylon genügen, daß sie nur die Bilder eines halben Weges seien, ruft die Gärungen und Konflikte der europäischen Geschichte von heute hervor. In diesem Suchen nach dem Sinn hat auch eine Umbildung des Verhältnisses der Juden zu den Völkern begonnen. Der Übergang war die Emanzipation der Juden, die Fortsetzung ist ihr Ringen um die Macht. Wohin nun immer das Bestreben der Völker führen mag, die scheinbare Sinnlosigkeit ihres bisherigen geschichtlichen Weges zu lichten, die Entscheidung wird darin liegen, ob es gelingt, ein prophetisches Verhältnis des Menschen zu den Dingen wiederherzustellen. Der Weg hinter den Phantomen, den falschen und irreführenden Propheten, die in das Schicksal der Völker immer wieder eingriffen, dieser blutige und fürchterliche Weg ist noch nicht zu Ende. Die Gedanken kreisen um die Frage, ob wahre Prophetie überhaupt möglich sei und worin sie bestehe. Wahre Prophetie setzt alle Dinge an ihren rechten Ort, sie umschließt das Gesetz und das Recht, sie fließt aus dem Gesetz, sie schafft das Recht. In dem Suchen nach einem prophetischen Verhältnis zu den das ein Suchen nach der richtigen Tat ist, steht das deutsche Volk in der 33*

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