Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 9
- Article
- Die Völker und die Juden
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 498 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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- IRI
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498 Alfons Paquet: geben? Oder wird der kühne Weg der Eroberung, die erkauft wird durch die Fähigkeit des Leidens und des Verkündens, zum Ziele führen, auch durch die Katastrophen hindurch, die auf diesem Wege lauern? Denn die Gefahren der Gegenwirkungen häufen sich, je näher der Weg in die Bereiche der Macht führt; der Einsichtige rechnet mit den Gegenwirkungen, die jeder Triumph herausfordert; er kennt die Grenzen des fair play, wo endlich der nackte Machtkampf übrigbleibt. Diese sozusagen amerikanistische Betrachtung des jüdischen Problems muß irgendwo mit einem Achselzucken aufhören. Die Frage nach dem Ziel nämlich führt in jene Bereiche der Wirklichkeit, die der gesunde Menschenverstand am liebsten vermeidet, denn nur die philosophische und die religiöse Sphäre kennen dieFrage nach einem Ziel jenseits der Realität des Konfliktes zwischen der Macht und der Bestimmung. Das von halbreligiösen Vorstellungen über und über belastete europäische Denken sucht ständig nach einem Ausweg aus dem Gemisch von amerikanistischen und asiatischen Betrachtungsweisen, in die es verwickelt ist. Noch erscheint die von aller geistigen Entscheidung weit entfernte liberale Auffassung des jüdischen Problems als typisch europäisch; aus der Nähe gesehen, hat aber wohl jedes europäische Volk seine eigene Formel, die sein Verhältnis zum Judentum ausdrückt und dazu dient, dieses Verhältnis schwebend zu erhalten. Die Formel bewegt sich zwischen Rationalismus und Mystik hin und her. Sie umfaßt Geduld und Bequemlichkeit in einer trügerischen Verbindung, sie stützt sich auf eine Ideologie, die zwar den wechselnden Stimmungen der Völker einigermaßen überlegen und irgendwie in der Ideologie der herrschenden Klassen, sogar in den Staatsverfassungen befestigt erscheint, aber sie beginnt ihre Kraft zu verlieren, je tiefer in den Völkern das Ringen um ihre eigene Seele wird. Der Ernst dieses Problems umfaßt auch den jüdischen Anteil an diesem Problem, er bejaht ihn, oder stellt ihn in Frage. Mystik und Rationalismus, die in ihrem Gemisch einen Zustand der Lähmung und des Gehenlassens erzeugen, beginnen einen Kampf miteinander, es ist, als suchten die Völker eine Entscheidung. Kein Wunder, denn unentschieden ist bisher, was eigentlich die zweitausendjährige kirchliche Geschichte der Völker darstellt. Diente das Christentum der Kirchen schließlich nur der heimlichen Erhaltung, der Verfälschung und Verhüllung ihres heidnischen Erbes? Oder war es nötig, um den Keim reifen zu lassen, der endlich an das Licht will und erst das Christentum sein wird? Für den Deutschen ist der Ausgang dieses Kampfes entscheidend. Er wird für ihn Leben oder Vernichtung bedeuten. Was aber hat der Jude mit diesem Kampf um die Entscheidung zu tun? Er wird ihn ablehnen, vielleicht ihn fürchten, vielleicht sogar ihn zu stören suchen. Hindern kann er ihn nicht. Jeder Eingriff in diesen Kampf wird für ihn zu einem Teil seines Schicksals. Jene Auffassung nun, die sowohl der amerikanistischen des fair play, wie der europäischen des Gehenlassens und der Unklarheiten entgegengesetzt ist, mag die asiatische genannt werden, denn sie ruht in einem