Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 7-8
- Article
- David Frischmann
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 495 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Umschau: Moderne hebräische Literatur Leser werde dann schon von selbst die Schriftsteller der gekennzeichneten Art von sich abschütteln. Dieses Ziel aber konnte nur durch langsame Gewöhnung an gute, auserwählte Lektüre erreicht werden. Die Worte Goethes: „man bringe ihm nach und nach durch das Gute — Gefühl und Geschmack für das Bessere bei" schwebten ihm stets vor und bezeichneten genau seine Lebensaufgabe. Seine einfachen lyrischen Gedichte, seine gediegenen Skizzen und feinen Legenden, ebenso wie seine klassischen Übersetzungen aus Shakespeare, Nietzsche, Tagore usf. wetteiferten miteinander in der Erfüllung dieser vornehmen Aufgabe; die wunderschönen kritischen Abhandlungen und humorvollen Feuilletons aber sollten die Wehr bilden gegen die störenden Überfälle, die von seiten des bedrängten Feindes zu erwarten waren: sie sollten den hebräischen Leser gegen ein Schriftstellertum schützen, das das alte Dilettantentum in neuen Formen aufzurichten suchte. Als sein bedeutsamster Versuch, dies alles in die Wege zu leiten, ist wohl die Gründung der Wochenschrift „Das Zeitalter" (Hador) anzusehen. Das erste Heft wurde mit den für Frischmanns ganze Tätigkeit charakteristischen Worten eingeleitet: „Wir wissen zwar sehr wohl, daß kein Mensch das Bedürfnis nach einer solchen Zeitschrift empfindet. Aber gerade deshalb wollen wir sie herausgeben. Wir hoffen nämlich, durch die Zeitschrift den Geschmack der4 Leser zu verfeinern und so allmählich das Bedürfnis nach ihr wachzurufen." „Hador" war vorzüglich auf das Frischmannsche Programm abgestimmt, alles war geschmackvoll und auserlesen: die feinen psychologischen Skizzen und Essays, die anregenden und formvollendeten wissenschaftlichen Abhandlungen und schließlich „die Briefe über die Literatur". Diese setzten dem Ganzen die Krone auf. Echt Frischmannisch, fein und gediegen, jedes Wort abgewogen, jeder Satz wie gemeißelt. Und dennoch..... Nach etwa einem Jahre erschien eine Nummer mit einem „Offenen Briefe des Redakteurs": es war ein Abschiedsbrief, denn die Zeitschrift mußte aus Mangel an Abonnenten ihr Erscheinen einstellen. Und mit welch verhaltenem Zorn wandte Frischmann sich nun von seiner Gemeinde ab: „Im Verlaufe eines ganzen Jahres habt lhr mich „Briefen mit an den Redakteur" überhäuft; erlaubt mir auch, wenigstens einmal, einen Brief an Euch zu richten, einen Brief des Redakteurs an die Leser. Nur dies, eine Mal ■— weil das die letzte Nummer des „Zeitalters" ist. „Das Zeitalter" stellt sein. Erscheinen ein . . . Warum? Anstatt zu fragen, warum die- Zeitschrift aufhöre zu erscheinen, fraget lieber, wie sie bisher existieren konnte . . Ihr habt mir nicht geglaubt! Täglich sagte ich Euch: wir haben kein Volk, keine Literatur, keine Renaissance, wir haben nichts — und Ihr wolltet mir nicht glauben; täglich sagte ich: wir haben keine Schriftsteller^ keine Abonnenten, keine Bücherabnehmer,, wir haben nichts als leere Phrasen; die große Bewegung, von der Ihr sprecht, ist nichts als Mache. Da stürztet ihr euch über mich, her und schaltet mich Schwarzseher. Nun sollen die Tatsachen für sich selber reden. Noch eine Tatsache soll zu den übrigen hinzukommen und euch Lügen strafen. Was mich anbetrifft, kann ich eigentlich nicht behaupten, daß ich viel Hoffnung gehabt hätte, die mir jetzt entschwunden sei; ich wußtealles im voraus." Trotz dieser Klarsicht aber war Frischmann nach diesem mißlungenen Versuch vollständig niedergebrochen; seine Mutlosigkeit ging so weit, daß er eine Zeit lang; keinen Anteil an der Literatur nehmen konnte. Allmählich aber erholte er sich» schöpfte neuen Mut und kehrte zurück in. , die „Scheune", die er voller Verachtung verlassen hatte. Er wurde nach und nach wieder in den Kampf hineingezogen, machte sogar, drei Jahre später, den Versuch, „Das Zeitalter" in einer etwas veränderten Form wieder heraüszugeben. Aber auch dieser zweite Versuch mißlang. Seitdem, wandte er sich hauptsächlich Übersetzungen, zu und fand darin die Erfüllung seiner Mission. Aus den erwähnten, wie aus manchen andern, mehr oder weniger mißglückten Versuchen entstand jedoch das große Werk Frischmanns, ein Werk, das in der hebräischen Literatur einzig dasteht. Er schenkte der hebräischen Literatur eine stattliche Anzahl von Büchern und trug zur Bereicherung fast sämtlicher Gebiete bei. Seine AUseitigkeit war aber nicht von der bekannten Art, die sich durch Mittelmäßigkeit auszeichnet— sie war das Produkt eines universellen Geistes. Frischmann war auf jedem Gebiete, auf dem er tätig war, Meister. Seine Gedichte,.