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Der Jude · 1923-01-01 · Heft 7-8 · p. 494

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
7 (1923)
Issue
Heft 7-8
Article
David Frischmann
Date
1923-01-01
Page
494 (sequence 2)
Language
German
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494 Umschau: Moderne hebräische Literatur am Gelingen einer Sache unterdrücken. Der dröhnende Jubel, der ihm von vielen Seiten entgegenklang, konnte seine Wehklagen nicht übertönen. Es schien ihm oft, daß er seine Kräfte umsonst vergeude, da die hebräische Literatur doch dem Untergange geweiht sei. Manchmal verfiel er in eine dermaßen gedrückte Stimmung, daß eigentlich der großen Schar seiner Jünger nichts anderes übrig zu bleiben schien, als sich aufzulösen und nach allen Windrichtungen zu zerstreuen. „Wenn Ihr nun sagt'*, rief er einmal in Verzweiflung aus, „die Zigeuner hätten eine Zukunft, gebe ich es zu, denn ich habe sie einmal ihre Weisen singen hören, und da begriff ich, daß ihre Hoffnungen in Erfüllung gehen müssen. Wir aber, wir sind nicht einmal den Zigeunern gleich; kümmern wir uns denn um unsere Dichter?" Frischmann ging vollständig in der Literatur auf, und zwar vor allem in der hebräischen. In ihrer Erneuerung wollte er die erste und vornehmste Bekundung des freien Willens, der nationalen Auferstehung sehen, den Lebensimpuls des jüdischen Volkes. Und was für ein Bild bot sich ihm hier dar, als er sich mit seinem jugendlichen Feuer der hebräischen Literatur zuwandte? Das Dilettantentum (Batlanuth) feierte Triumphe, die gekünstelte Blumensprache, die „M'lizah" gelangte zur vollsten Blüte: die hebräischen Leser empfanden gerade sie als die höchste Kunst und „erbauten" sich ansolcher Lektüre. Die Schriftsteller selbst taten nichts, um diese Geschmacksverirrung abzuwenden, im Gegenteil, sie war ihnen sehr willkommen. Die Liebhaber der „M'lizah" waren sonst sehr anspruchslos, nahmen alles wähl- und kritiklos hin, was man ihnen vorsetzte, wenn man es nur verstand, ihnen das „Gericht" mit biblischen Zitaten oder talmudischen Wendungen gut zu würzen. Auf die Unwissenheit der Leser rechnend, brachten es manche Schriftsteller fertig, ihre Stoffe, ja auch ganze Abschnitte, fremden Literaturen zu „entlehnen" und sie als eigene auszugeben. So sah die Blüte der neu-hebräischen Literatur aus. < . Jung, frisch und unerschrocken, ausgerüstet mit einer vorzüglichen Kenntnis der Weltliteratur und begabt mit einem gediegenen Geschmack, trat Frischmann in die hebräische Literatur ein und nahm gleich in den vorderen Reihen Aufstellung. Sein erster Vorstoß richtete sich gegen diese „dilettantische M'lizahinvasion", die die ganze* Literatur zu überschwemmen drohte. So manche Stelle aus „bedeutenden" hebräischen Literaturwerken wurde von dem jungen Frischmann als Plagiat erkannt und gebrandtmarkt. Diesem primitiven literarischen „Schmuggel" folgte in der neueren Zeit eine etwas modernere Art, sich fremde Güter anzueignen. Man ahmte den „Europäern" nach, eignete sich alle möglichen Richtungen an, die man in den fremden Literaturen vorfand, und gab sich den Anschein, Schöpfer neuer „Schulen" in der hebräischen Literatur zu sein. Frischmann hielt auch hier treue Wacht. In einem seiner „Briefe über die Literatur" schildert er diesen abnormen Zustand in folgenden Worten: „In anderen Literaturen läßt sich eine Aufeinanderfolge der Epochen feststellen, man kann deutlich unterscheiden zwischen Sturm und Drang und Klassik, zwischen Romantik und Realismus: jede Epoche durchlebt Aufstieg, Blütezeit (und Verfall. Bei uns aber gibt es keine derartigen Grenzen, so daß wir in unserer Literatur gleichzeitig alle möglichen sich widersprechenden Epochen nebeneinander und untereinander sehen können. Wie in einem Kaleidoskop ziehen sie vor unseren Augen vorbei. In wenigen Augenblicken haben wir die Bilder aller Kämpfe vor uns, die die Menschheit im Verlaufe von mehreren Jahrhunderten ausgefochten hat." Frischmann bezeichnete sich selbst als „den großen Besen, der dazu bestimmt ist, den vielen Staub aus der Scheune herauszufegen, die man ,Literatur* nennt, sowie den Staub von den wenigen Kostbarkeiten zu entfernen, die uns übrig; geblieben sind." Der Besen aber fegte und fegte, und der Staub nahm trotzdem zu, denn er drang aus allen Ritzen und Spalten wieder in die „Scheune" ein. Es bestand keine Möglichkeit, gegen all die abnormen Erscheinungen in der hebräischen Literatur anzukämpfen, solange der Leser daran festhielt, ja: danach verlangte und ihnen seinen Beifall zollte. Daher kam Frischmann frühzeitig zu der Überzeugung, daß zuerst das Publikum gewonnen werden müsse. Er sah ein, daß ohne diesen Allierten der Kampf aussichtslos sei. Gelänge es aber den hebräischen Leser zur Besinnung zu bringen, ihm Gefühl und natürlichen Geschmack für Literatur beizubringen, dann sei der Feldzug gewonnen: der

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