Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 7-8
- Article
- Die Akademie für die Wissenschaft des Judentums
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 491 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Umschau: Jüdische Wissenschaft immer mehr zu erweitern. An dieser Richtung der Entwicklung hat vielleicht auch die Nähe der Forschung zu ihrem Stoff ihren Anteil. Die Träger der jüdischen Wissenschaft standen zumeist so ganz in der Kontinuität jüdischen Lebens, daß ihnen jede Einzelheit bedeutungsvoll war, die Besinnung auf das Wesen jüdischen Lebens und Geistes dagegen ihnen nicht zu unmittelbarem Bedürfnis wurde. So blieb hinter der materialen Bereicherung der Wissenschaft die gedanklicheDurchdringungdes Stoffes zurück. Die Literaturgeschichte blieb auf weiten Gebieten Gelehrtengeschichte und drang zu dem geistigen Gehalt der literarischen Schöpfungen und den sich in ihnen auswirkenden ideellen und seelischen Motiven kaum vor. Weder die Entwicklung der jüdischen Frömmigkeit noch der Aufbau des jüdischen Gemeinschaftslebens sind systematisch erforscht worden. Insbesondere aber sind die neuen Fragestellungen, welche sich in den letzten Jahrzehnten aus einer veränderten Richtung der allgemeinen Wissenschaft wie aus einer neuen Richtung des Kulturinteresses ergaben, nicht zu ihrem Recht gekommen. Die Wissenschaft hat sich von den Fragen, welche die geistige Bewegung der Zeit an sie stellte, zumeist fern gehalten und ihre Beantwortung einer populären Aufklärungs- und Tendenzliteratur überlassen. Das hatte seine äußere Ursache zu nicht geringem Teile darin, daß in den letzten Jahrzehnten der jüdischen Wissenschaft der Nachwuchs immer kümmerlicher zufloß. In Mittel- und Westeuropa führte der allgemeine Rückgang jüdischen Wissens dazu, daß nur eine ganz geringe Zahl jüngerer Gelehrter die zu wirklich produktiver Arbeit erforderliche Stoffbeherrschung erlangte. Den im Osten herangewachsenen Gelehrten wiederum lagen die neuen wissenschaftlichen und kulturellen Probleme naturgemäß zumeist ferner. Die Überzeugung, daß die jüdische Wissenschaft sich neuen Zielen zuzuwenden hat, hat sich auch in ihrem eigenen Kreise immer mehr durchgesetzt. Die Akademie für die Wissenschaft des Judentums soll dieser Verjüngung unserer Wissenschaft dienen. In sachlicher Beziehung, indem sie die bisher vernachlässigten*Aufgaben in Angriff nimmt, JJ1 personaler Hinsicht, indem sie eine junge Forschergeneration für die jüdische Wissenschaft zu gewinnen sucht. Für beide Ziele hat sie sich ihr Instrument in ihrem Forschungsinstitut geschaffen. Die Mitarbeiter des Forschungsinstituts sine? eine Anzahl jüngerer Gelehrter, die sich ausschließlich der Durchführung der ihnen vom Vorstande übertragenen Arbeiten zu widmen haben. In loserer Verbindung mit dem Institut steht ein weiterer Kreis von Gelehrten, die einen anderen beruflichen Wirkungskreis haben, aber zeitweise oder dauernd zu den Arbeiten des Instituts mit herangezogen werden. In diesen seinen Mitarbeitern will das Forschungsinstitut einen, zunächst freilich nur kleinen Stab neuer Forscher heranbilden. Die jahrelange Konzentration auf die Forschungsarbeit gibt den in westlicher Umgebung herangebildeten Gelehrten die Möglichkeit, einen bestimmten Kreis der jüdischen Literatur mit voller Sicherheit zu beherrschen, den mit der traditionellen jüdischen Bildung des Ostens Gesättigten Gelegenheit, den Wissensstoff mit voller Reife wissenschaftlicher Methodik zu durchdringen. Das soll dadurch um so sicherer erreicht werden, daß jeder Mitarbeiter sich möglichst ganz* einem bestimmten Problemgebiet zuwendet. Die ganze Arbeit des Forschungsinstituts ist auf strenge und exakte Spezialforschung gestellt. Das steht nur scheinbar im Widerspruch zu den früher entwickelten, weitergreifenden Zielen, zu der Forderung einer vom Geist jüdischen Lebens bewegten Forschung. Die Werke, die mit ursprünglicher Intuition die Geschichte lebendig machen, sind notwendig persönliche Schöpfungen. Kein Institut und keine Organisation kann sie hervorbringen. Methodisch ausbauen und entwickeln läßt sich nur die Arbeit unpersönlicherer Forschung. Auch sie kann indessen der Klärung derjenigen Fragen dienen, welche die Gegenwart an die Geschichte stellt, und im Sinne lebendiger Forschung hat sich auch die Einzelarbeit der Wissenschaft grundsätzlichen und allgemeinen Gesichtspunkten unterzuordnen, von denen sie Ziel und Richtung empfängt. Hier liegen die Ziele, welche die Akademie ihrer Arbeit steckt. Ihre Untersuchungen sollen den Anforderungen strengster Gelehrsamkeit genügen, doch einer Gelehrsamkeit, für die das Einzelne nicht Ziel, sondern Mittel ist, die ihren Stoff gedanklich zu durchdringen und zu bewältigen weiß. . , Nur ein bescheidener Anfang hat mit dieser Arbeit bisher gemacht werden können. Noch ist die Zahl der Mitarbeiter des Forschungsinstituts sehr begrenzt, und in dem