Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 7-8
- Article
- Die Akademie für die Wissenschaft des Judentums
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 490 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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490 Umschau: Jüdische Wissenschaft erfüllen begonnen hat. Die schöpferischen Energien der jüdischen Gegenwart haben •den Gedanken einer Erneuerung jüdischer Wissenschaft erzeugt. Es spricht für die Kraft dieses Gedankens, daß sich in ihm •die verschiedensten Auffassungen des Judentums begegnen. Wie die Begründer der Akademie gehören die Kreise, die sich ihr •angeschlossen haben, den verschiedensten Xagern an. Religiöse und nationale, liberale und konservative Juden finden sich in ihr .-zusammen und setzen das gleiche Vertrauen in die belebende Kraft einer wissenschaftlichen Erkenntnis des Judentums. In dieser Entwicklung der Akademie gibt sich, nur in besonders klarer und bestimmter Form, •dieselbe Tatsache zu erkennen, die wir überall in der jüdischen Gegenwart beobachten können. Der neue jüdische Wille unserer Zeit sucht überall zu einer neuen Erkenntnis des Judentums zu gelangen. Das ist besonders erfreulich als Symptom dafür, daß auch die Jugend, die jetzt ihren Weg zum Judentum neu zurückfindet, sich dessen bewußt ist, daß die jüdische Zukunft nur durch die Lebenskräfte des geschichtlichen Judentums gestaltet werden kann. Was man bei der jüdischen Wissenschaft sucht, ist doch im Wesentlichen dies, daß sie den Weg zu den 'Quellen jüdischen Lebens weist. Das ist in der Tat die Aufgabe, durch die allein die Wissenschaft dem schaffenden Leben dienen Jkanrt. Die Kräfte, auf denen eine geschichtliche Gemeinschaft ruht und die ihre Zukunft bestimmen, sind andere als die der wissenschaftlichen Erkenntnis. Die Wissenschaft vermag aus sich heraus weder religiöse Überzeugung noch nationalen Willen zu schaffen. Selbst die Werterkenntnis der Philosophie erzeugt die Werte nicht, sondern Jriärt das Bewußtsein nur über den ihm innewohnenden Wertbesitz auf. Vollends wird die Erkenntnis der geschichtlichen Wirklichkeit sich selbst untreu, wenn sie mehr geben will als die strenge Erfassung dessen, was ist. Eben in dieser Treue gegen sich selbst liegt auch das Eigentliche, was sie dem Leben zu geben hat. Die geschichtliche Erkenntnis dient dem Leben einer Gemeinschaft, indem sie sie lehrt, sich selbst zu verstehen. Der Lebenswille der Gemeinschaft hat dieses Verstehen für seine Ziele fruchtbar zu machen, aber die Ziele müssen aus ihm selbst erwachsen. Gewiß gibt es kein echtes geschichtliches Verstehen ohne die Fähigkeit liebenden Mitgefühls, allein in der Arbeit der Wissenschaft hat auch die Gabe liebenden Nachfühlens sich ganz dem Gebot geschichtlicher Wahrheit zu unterwerfen. Diese Überzeugung bestimmt auch die Arbeit der Akademie für die Wissenschaft des Judentums. Sie will weder Apologetik treiben noch in einem noch so edelen Sinne der Erbauung dienen; sie will strenge, sachliche und nüchterne Arbeit leisten, aber eine Arbeit, die auf ein wirkliches Verständnis der geschichtlichen Eigenart des Judentums gerichtet ist und die Kräfte und Gehalte jüdischen Geistes und jüdischen Lebens zu wirklicher Anschauung bringen soll. Noch aber ist das eigentlich Neue und Charakteristische dieser neuen wissenschaftlichen Organisation nicht herausgehoben worden. Schon seit einem Jahrhundert gibt es eine Wissenschaft des Judentums und sie darf mit berechtigtem Stolz auf die ruhmreiche Entwicklung dieses Jahrhunderts zurückblicken, die von Forschern ersten Ranges getragen war und Leistungen ersten Ranges aufzuweisen hat. Woran liegt es, daß gleichwohl das Verlangen nach einer lebendigen Erkenntnis des Judentums in ihr keine volle Befriedigung findet, daß zwischen der Arbeit der jüdischen Wissenschaft und dem Wissensverlangen auch derer, denen es um eine wirkliche Erkenntnis des Judentums zu tun ist, kein rechter Kontakt herzustellen ist? Die Begründer der Wissenschaft des Judentums haben die gleiche Hoffnung auf sie gesetzt, aus der heraus jetzt ihre Erneuerung gefordert wird, und ohne Zweifel haben ihre ersten Leistungen, die zum ersten Mal einen Blick in die geschichtliche Entwicklung des Judentums eröffneten, befreiend auf das jüdische Bewußtsein gewirkt. Aber nicht nur ist in der Konzeption der Wissenschaft des Judentums von Anfang an hinter der geschichtlichen die philosophische Erkenntnis seines Wesens fast ganz zurückgetreten; die geschichtliche Arbeit selbst konzentrierte sich aus naheliegenden Gründen zunächst auf die große Aufgabe, aus zahllosen verborgenen und verschütteten Quellen den Stoff zusammenzutragen, aus dem die Geschichte des Judentums aufzubauen ist. Diese Arbeitsrichtung blieb auch dann die vorherrschende, als der Grundriß der jüdischen Wissenschaft entworfen war und ihr Ausbau zu beginnen hatte. Eine begreifliche Entdeckerfreude suchte den immer neu zuströmenden Quellen neue Tatsachen abzugewinnen und den Umfang unseres Wissens