Mannheim
Compact Memory

Der Jude · 1923-01-01 · Heft 7-8 · p. 488

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
7 (1923)
Issue
Heft 7-8
Article
Kritische Übersicht über die neuere Literatur [Rezension]
Date
1923-01-01
Page
488 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3101111-3101189-3101197-3108309--6334-3108441
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

488 Umschau: Bibelwissenschaft an einer Stelle selbst. Was wir bestreiten, ist die herrschende schematische Aufteilung, weil sie an zahllosen Stellen auf falscher Exegese beruht und dadurch, daß sie Zusammengehöriges auseinanderreißt, sich als das größte Hemmnis eines wahren Verständnisses erweist, nicht zuletzt auch, weil sie reine Konstruktion und Hypothese ohne reale Basis und äußere Bezeugung ist. Denn noch hat kein Mensch eine jener Quellenschriften gesehen. Sie existieren nur in den Werken der Bibelkritiker, die zudem alle bereits gemachten Einwendungen, und seien sie noch so triftig, einfach ignorieren und immer nur in ihrem geschlossenen Klub debattieren. Ernst Sellin (Prof. Dr. in Berlin): Wie wurdeSichem eine israelitische Stadt?1) Derselbe: Mose und seine Bedeutung fürdie israelitischjüdische Religionsgeschichte.3) Die erste Studie Sellins hat dadurch einen besonderen persönlichen Reiz, daß ihr Verfasser es ist, der ebendieses Sichern wiederausgegraben hat und daher wie kein anderer sich von dem genius loci inspirieren lassen konnte. Daß es in der Richtung der Wahrheit geschehen sei, ist uns aber mehr als zweifelhaft. Es handelt sich in der Untersuchung hauptsächlich um Ri C. 9, wo die Geschichte Abimelechs und sein Kampf um Sichern erzählt ist. Daß in diesem Kapitel eine zweigestaltige Tradition zusammengearbeitet sei, war schon von Winckler und den Kommentatoren des Richterbuches Moore, Nowack und Budde behauptet worden. Das verblüffende Resultat Sellins ist nun, daß nach dem (natürlich erst entsprechend zu interpretierenden) älteren Bericht A, einer Quelle von höchstem geschichtlichen Wert, Abimelech nicht die Söhne Jerubaals, seine Brüder, sondern die 70 Söhne Chamors, d. i. den regierenden chiwitischen Adel Sichems hingeschlachtet, sich damit auf den Thron Sichems erhoben und diese Stadt die in der späteren Geschichte eine so bedeutsame Rolle spielt, für Israel in Besitz genommen habe. Das Ereignis hat einen mächtigen Widerhall in der Erinnerung des Volkes gefunden und ist Mittelpunkt dichten- J) 84 S. Leipzig-Erlangen 1922, Deichertsche Verlagsbuchhandlung. Preis 2 M. Grundzahl. °) 159 S. Ebd. 1922. Preis 4 M. Grundzahl. der Sage geworden. Eine ganze Sichemliteratur ist entstanden. Der Bericht A sei Bestandteil einer Quelle, die J. schon vorgefunden und in sein großes religiöses Geschichtswerk, das mit der Schöpfung begann und bis zum Regierungsantritt Salomos reicht, hineingearbeitet habe. Ihre Heimat haben wir in der Familie Elis zu suchen. Etwa um 1150 wird Sichern israelitisch geworden sein, und um 1000 sei das große Geschichtswerk abgefaßt, in dem uns der Bericht überliefert ist. Der Prophet Hosea habe die Wahrheit noch gewußt und (richtig verstanden) schonungslos ausgesprochen. Zum Schluß werden alle Texte zur Geschichte der Besitzergreifung Sichems durch Israel übersetzt und der Zeit nach geordnet. Noch verblüffender ist das Resultat der zweiten, von gleichem Scharfsinn, der gleichen Gabe geistreicher Kombination und kühner Phantasie zeugenden Untersuchung. Mose, dessen Religionsstiftung wesentlich in der Verkündigung des Dekalogs bestand, sei nicht eines natürlichen Todes, sondern als Märtyrer gestorben: nämlich von den Priestern in Schittim ermordet worden! Das stand ursprünglich in Nr. 25, wo es freilich unterdrückt und in das Gegenteil verkehrt ist. Aber die richtige Überlieferung dieses größten Verbrechens, das Israel je begangen, ist noch bei Hosea erhalten, wenn man 97ff. folgendermaßen rekonstruiert: Israel kreischte: „Ein Narr ist der Prophet. Ein Verrückter der Mann des Geistes!" — „Wegen der Menge deiner Schuld und der Größe der Anfeindung! " Ephraim lauerte auf beim Zelte des Propheten, legte Fallstricke auf allen seinen Wegen. In Schittim im Hause seines Gottes haben sie seine Grube tiefgemacht usw. Die Religionsauffassung Hoseas 65 f. sei die echte mosaische: „Daher habe ichs eingehauen durch die Propheten" (steinerne Tafeln!), sie führe über Arnos, Elia, Samuel, Debora bis nahe an den Stifter heran und lebe, in den vorexilischen und exilischen Propheten fort. Deuterojesaja ist ein Mosesschüler. Der „Gottesknecht" sei kein anderer als Mose, von dem geweissagt wird, daß ihn Gott wiederbringen werde. In der berühmten Dichtung 52. 53 „wird — das kann nur rabbinische Auslegungskunst verschleiern — von einem Manne geredet, der einst an schwerer Krankheit gelitten hat, zum Besten seines Volkes, der schimpflich getötet und unwürdig begraben ist, als

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.