Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 7 (1923)
- Issue
- Heft 7-8
- Article
- Aktenstücke und Aufforderung
- Date
- 1923-01-01
- Page
- 483 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3101111-3101189-3101197-3108308--6327-3108436- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Umschau: Geschichte 483 unsrer unterdrückten Glaubensbrüder lindern zu helfen mündlich zu erneuern, und Ihnen die betreffenden Schriften hierüber einzuhändigen. Ich bedaure es herzlich, daß meine Vorschläge keinen Anklang bei Ihnen gefunden haben. — Ich finde mich nun verpflichtet, Ihnen über einen Punkt, welcher Ihnen (Ihrer damaligen mündlichen Äußerung nach) nicht klar geworden zu sein scheint, eine bestimmtere Erklärung abzugeben. Sie scheinen nämlich der Ansicht zu sein, daß ich bei Ausführung meines Planes, die Übersiedlung unserer Mitbrüder usw. (betreffend) *), nur das materielle Wohl derselben zu befördern beabsichtige, dieses ist aber keines Wegs der Fall. Meine Haupttriebfeder ist allerdings als orthodoxer Jehude, „unsere Religion zu stärken".2) Da es nun Ihre Pflicht ist, nach Kräften hierzu beizutragen: so fordere ich Sie nochmals hierzu auf und zwar daß Sie „mit ganzem Herzen" usw., (mithelfen) 1) — das heißt zu deutsch, daß Sie alle Ihre weltliche Geschäfte aufgeben und Ihr ganzes Leben, Zeit und Vermögen hierzu verwenden sollen. — Vermutlich ist Ihnen bekannt die durch Tradition uns überlieferte „Geschichte von Monobaz, dem Könige3), der seine und seiner Väter Schätze in den Jahren der Dürre verteilte. Da verbanden sich gegen ihn seine Brüder und das Haus seines Vaters, und sprachen zu ihm: ,Deine Väter 4) haben Schätze beiseite gelegt und zu dem Besitz ihrer Väter hinzugefügt, und Du verteilst Deine Schätze und die Schätze Deiner Väter." — Er antwortete ihnen: „Meine Väter haben für unten beiseite gelegt, und ich habe für oben beiseite gelegt, denn es steht geschrieben: Wahrheit wächst aus der Erde und Gerechtigkeit blickt vom Himmel5); meine* Väter haben an einem Ort beiseite gelegt, über den (des Menschen) Macht herrscht, und ich habe an einem 'Ort beiseite gelebt, über den des Menschen Macht nicht herrscht, denn es steht geschrieben: Recht und Gericht sind die Grundfeste deines Thrones6). Meine *) Fehlt im Original, sinngemäß ergänzt. a) Im Original hebräisch. 3) Ein im 1. Jhdt. zum Judentum übergetretener König von Adjabene, der die Haggada stark beschäftigt hat. (Vgl. Jeruschalmi, Peal, *5b; Babli, Baba bathra 11 a, Joma 37 a) Die ganze Erzählung ist im Original hebräisch. *) Im Original steht fälschlich „Dein Vater". 5) Ps. 85,12. *> Ps. 89,15. Väter haben etwas beiseite gelegt, was keine Früchte trägt, und ich habe etwas bei Seite gelegt, was Früchte trägt, denn es steht geschrieben: Sprecht zum Gerechten: es ist gut, denn die Früchte ihrer Taten genießen sie.1) Meine Väter haben Geldschätze beiseite gelegt, und ich habe Seelenschätze beiseite gelegt, denn es steht geschrieben: Und der Weise erwirbt Seelen2). Meine Väter haben für andere beiseite gelegt, und ich habe für mich selbst beiseite gelegt, denn es steht geschrieben: Und dir soll die Wohltat zugute kommen usw.3) Meine Väter haben für diese Welt beiseite gelegt, und ich habe für die kommende Welt beiseite gelegt, denn es steht geschrieben: Deine Gerechtigkeit soll vor dir hergehen usw. 4) Ich bitte dieses wohl zu beherzigen. Obschon nun dieses klar und deutlich, so würde es Ihnen doch eine Seelenerquickung sein, wenn Sie gütigst nachsehen wollten, was im „Buche der Taten Ephraims"5) hierüber gesagt ist.—■ Sie sagten mir bei meinem .Dortsein, sie hielten mein Unternehmen für Schtuß, ich muß Ihnen aber offen gestehen, daß ich dagegen dem obigen nach Ihr jetziges Wirken, „ein Geldhäufer"6) zu sein,, für einen großen Schtuß halte. Warum wollen Sie sich noch mit solcher „Eitelkeit der Eitelkeiten"7) abgeben? da Sie sowohl für sich als Ihre Kinder und Familie „in dieser Welt" 6) ausgesorgt haben! Bedenken Sie nun ferner, daß „wer eine einzige Seele aus Israel rettet, dem gleichzuachten ist, der die Welt erhält"8) und daß „besser ist eine Stunde der Umkehr und guter Taten in dieser Welt als das ganze Leben der kommenden Welt, und besser eine Stunde der Erquickung in der kommenden Welt als das ganze Leben in dieser Welt"9). » x) Jer. 3,10. Im Text des „Orient" heißt es „zu den Gerechten"; „la zaddikim" statt des Singulars im Original — „zaddik". 2) Prov. 11,30. 3) 5. B. M., 24,13. 4> Jer' 5M- , , * 5) Hebräisches Homihenwerk des 1019 in Prag verstorbenen Rabbiners Salomo Ephraim Lentschütz. 6) Im Original hebräisch. 7) Im Original hebräisch. Koh. 1,2. 8) Babli, Sanhedriri. 37a- 9) Sprüche der Väter. 4>22- Im (hektischen) Original steht zuletzt irrtümlich „in der kommenden Welt". 31*