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Der Jude · 1923-01-01 · Heft 7-8 · p. 482

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Journal
Der Jude
Volume
7 (1923)
Issue
Heft 7-8
Article
Aktenstücke und Aufforderung
Date
1923-01-01
Page
482 (sequence 5)
Language
German
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482 Umschau: Geschichte große Glocke zu hängen. Indessen begreife ich sehr wohl, daß man hierin ganz anderer Meinung sein kann; und vielleicht bin ich es selbst in einigen Jahren. Für jetzt aber kann ich lediglich Allem, was in dieser Rücksicht geschieht, meine lebhafteste Aufmerksamkeit und Theilnahme widmen, fühle mich aber nicht berufnen, mich einem Unternehmen anzuschließen, für das ich etwas Erhebliches zu leisten mich nicht im Stande glaube, und an dessen Ausführung ich, so wie ich in diesem Augenblicke denke und empfinde, persönlich keinen Antheil nehmen würde. Mit dem herzlichsten Danke für die freundlichen Gesinnungen, die Ihr geehrtes Schreiben gegen mich ausspricht und mit dem Ausdruck der aufrichtigen Hochachtung, die Ihre Denkweise mir einflößt, verharre ich Ihr ergebenster G. Riesser Dr. * * * Im Monat Februar 1845 reiste ich nach Frankfurt, um den Herrn von Rothschild mündlich nochmals aufzufordern, meinen Plan zu unterstützen, und um dessen Motive zu erfahren, weshalb er nicht wolle. Ich besuchte denselben in seinem Hause und wurde von ihm zur Unterhaltung auf das Komptoir beschieden. Hier wurde ich zu demselben in sein Kabinett geführt, woselbst er mich folgendermaßen anredete! Mein seliger1) Vater sagte immer: der Jude muß gut und fromm sein, und alles über sich ergehen lassen. Wenn es Gottes Wille sein wird, wird uns Erlösung zu Theil werden.' Das Schicksal der Juden hat sich um vieles gegen früher gebessert. Ich halte Ihr Vorhaben für Schtuß2) und kann wie schon gesagt, mich nicht darauf einlassen. Hierauf erwiderte ich im wesentlichsten Folgendes. Ich stimme mit den Prinzipien Ihres sei. Vaters ganz überein, jedoch ist es diesem Prinzipe so wenig zuwider wie auch uns Juden nicht verboten, wo es möglich sei, die Erleichterung unseres Schicksals zu bewirken, nun sei solches auch wie die Geschichte lehrt von jeher geschehen. Wäre unser großer Lehrer MoschS3) nicht energisch aufgetreten, würden wir nicht aus Mizrajim 2) Im Original die hebräische Abkürzung für die Worte: „olow hascholaum", „über ihn der Friede". 2) Im Original mit hebräischen Buchstaben. 3) sie! erlöst worden sein. Unsere alten Weisen: stimmen ja auch alle darin überein, daß sogar die uns prophezeiete Erlösung durch unsere Mitwirkung herbeigeführt werden können *). Hierauf erwiderte Herr v. Rothschild. Ja! Mosche sei von Gott gesandt. — Worauf ich entgegnete: Natürlich alles durch und mit Gott. Obschon ich den großen Unterschied zwischen Mosche und mir erkenne, und mich mit demselben zu vergleichen eine Absurdität sein würde; so stehe ich doch in der Hinsicht mit ihm zu vergleichen, daß ich ebenso wie Er der Hochbegeisterte, unter göttlichem Einfluß handele, und daher in Ermangelung eines andern erbötig sei, das Unternehmen zu leiten. Worauf Herr von Rothschild erwiderte: zu meinem Vorhaben gehören große Geldmittel, worauf ich sagte: eben diese verlange ich von Ihnen. Worauf Herr von Rothschild: daß er, wie schon gesagt, nichts, mit der Sache zu tun haben wolle, und mich sodann verabschiedete. Während unserer Unterhaltung schrieb Herr von Rothschild an einem Briefe mit hebräischen Lettern fort. Da ich im Laufe * des Gesprächs eine beklagende Bemerkung von demselben gehört zu haben glaubte, wegen der jetzigen Lauigkeit und Uebertretungen im Judenthum, auch die Bezeichnung des von mir vorgeschlagenen Unternehmens als Schtuß2) eine Rüge verdiente, schrieb ich demselben folgenden Brief mit hebräischen Lettern. V. M. A. von Rothschild I 3) - „Und Du sollst lieben Gott, den Herrn Deinen Gott, mit Deinem ganzen Herzen,, und mit Deiner ganzen Seele und mit Deiner ganzen Fähigkeit.'*4) Im Monate Februar dieses Jahres war ich so frei, meine bereits vor 12 Jahren an Sie gerichtete Aufforderung: die Leiden x) sie! 2) Im Original mit hebräischen Buchstaben. 3) Dieser Brief ist im Original in hebräischen Buchstaben geschrieben. Seine Sprache ist aber nicht jiddisch, sondern Schriftdeutsch. Zahlreiche hebräische Zitate sind hier übersetzt und kenntlich gemacht. 4) Im Original hebräisch: 5 B. M. 6,5.

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